5. Etappe: Ich bin neu hier

Das Wetter wurde als wunderprächtig angekündigt. Da gab es kein Halten mehr. Der erste Longjogg 2015 war fällig. Die Runde hat etwas mehr als 26 Kilometer. Sie führt über die Eisenbahnbrücke von Niederwartha nach Meissen, dort wieder über eine Brücke und zurück. Ich habe Lampenfieber. In zwei Wochen wird der Schneeglöckchenlauf in Ortrand stattfinden. Dafür soll es die Generalprobe sein. Ich möchte wissen, wie nützlich das Krafttraining vom Winter war und ein Gefühl dafür bekommen, wie hart das Glöckchen wohl erkämpft werden wird.

Laufbild Rosa Hauch im Soester Anzeiger
Letzer Laufschnappschuss für 2014 in Soest, Silvesterlauf

2015 wird das Jahr der kuriosen Medaillen. Schneeglöckchen, Spreewaldgurke und Himmelsscheibe sind schon gebucht. Es ist mein fünftes Jahr als Marathoni. Und beim ersten diesjährigen Longjogg auf einer mir sehr gut bekannten Strecke stelle ich mich mental an, als wäre ich neu hier. Das Herz klopft bis zum Hals. Mir fallen all die Läufe ein, die nicht so rund liefen. Auch der allererste an dieser Stelle. Bei Kilometer 23 etwa war ich überhaupt nicht mehr in der Lage, zu reagieren. Die Spaziergänger nahmen, gefühlt, den ganzen Weg ein. Ausweichen konnte ich einfach nicht mehr. Ich lief wie am Schnürchen gezogen und rief nur: „Vorsicht, es wird eng.“ So ein Quatsch bei 50 Kilo Läufergewicht versus mehr mehr mehr im Spaziermodus. Es ist nicht alles logisch, wenn physische Grenzen erreicht sind. Einmal bin ich auch den letzten Kilometer gegangen, weil gar nichts mehr ging.

Heute sollte es anders werden. In diesem Jahr soll überhaupt einiges anders werden. Zum Start in die neue Saison nehme ich also auch den bekannten Weg in entgegengesetzter Richtung in Angriff, gegen den Uhrzeigersinn.

Die fünf ersten Kilometer waren schon deshalb schön, weil sich der Rhythmus einstellt und das müde Gefühl der vergangenen Jahre an dieser Stelle nicht. Eine Handvoll Gleichgesinnter sind unterwegs, Frauen und Männer. Der Finger schnippst lässig zum Gruß hoch und weiter gehts.

Gut gehts. Bei Kilometer 16 gibts ein Gel und etwas zu Trinken, wie sonst bei den Wettkampfstopps. Wenn ich das rote Haus sehe, sind es noch drei Kilometer. Ich sehe das rote Haus und sehe ein Umleitungsschild für den Radweg. Saftige Flüche pflastern selbigen. Physische Anstrengungen fordern eigene Gesetze. Das ist also geblieben.

Am Ende war es keine Rekordzeit, jedoch eine akzeptable mit einem 6:27er Schnitt. Ohne Musik am Straßenrand, ohne Anfeuern, ohne ohne wird es wohl bei den Schneeglöckchen ganz gut laufen. Lang war die Strecke trotzdem. Doch die insgesamt 238 Höhenmeter blieben Hügelchen. Ich brauchte keinen Boxenstopp und am nächsten Morgen hatte ich auch keine steifen Storchenbeine. Wintertraining okay. Respekt okay. Es kann weiter anders Laufen.