29. Etappe: Vom Phänomen der Gruppendynamik

Hella Halbmarathon vor ein paar Jahren in Hamburg. Die dortige Stadtreinigung hat mich fasziniert. Nach dem vorabendlichen Schlager-Move konnte nur wenige Stunden später Skater und Läufer auf die Strecke, auf der noch am Abend die Leute knöcheltief in zersprungenen Flaschen, allerlei Pizzakartons und sonstigem Zivilisationsmüll standen. Es geht. Das sei die Botschaft und genug der Vorrede.

Episode 1: Der Startschuss fällt und wir laufen los. Irgendwann führt der Kurs durch einen Tunnel. Auf einmal beginnt jemand im Starterfeld zu klatschen. Viele nehmen das Signal auf. La ola in der Unterführung. Eine unvergessliche Dynamik entsteht. Den Sound behältst Du im Ohr.

Immer, wenn ich irgendwo durchlaufe, unter einer Brücke, durch einen Tunnel, dieser Sound ist bei mir, mit oder ohne Wettkampf.

Episode 2:Trainingsrunde rund um den Großen Garten im vergangenen Sommer. Parallel läuft ein Fahrradrennen. Auf der Allee kommen sie mir entgegen, die Ritter der Pedalen und ich klatsche ihnen entgegen. Respekt. Manche bemerken es, manche wundern sich, einige lächeln. Obschon sie so schnell fahren, das spürt man. Und diese Begegnung kann noch mehr. Es entwickelt sich eine Welle der Empathie. Es ist eine ganz bestimmte Energie, die, wenn Du sie gibst, mehrfach zurückkommt. Ich will rund 20 Kilometer laufen, die Radler fahren runde 60. In der zweiten Runde  treffen wir uns fast an der gleichen Stelle wieder. Gleiches Spiel, mit viel mehr Dialog. In der dritten Runde bekomme ich auch Respektsbekundungen. „Hey, Du bist ja schon wieder hier oder immer noch…“ wir haben Spaß, sind schon müde von der Distanz und machen weiter.

Episode 3:Fahrradfest, Ankunft auf dem Theaterplatz. Viele warten auf ihre Radler. Ich auch. Drei Varianten des Wartens habe ich ausprobiert. Variante 1. Während des Wartens alle möglichen Kanäle auf dem Handy checken. Beliebigkeit stellt sich ein. Das geht schließlich auch auf dem Klo. Variante 2. Angestrengt in die Menge schauen und die eigenen Leute suchen. Wann kommen die denn? Ist doch längst Zeit? Dauert das lange. Langeweile stellt sich ein. Variante 3. Wirklich mal hinschauen, was passiert. Jeder Fahrer, der reinkommt, hat einen suchenden Blick. Wo sind meine Leute? Jeder Wartende, der seinen Fahrer sieht, freut sich, als würde er einen Olympiasieger begrüßen. Medaillenzeigen auf der einen Seite, Fotomachen auf der anderen. Strahlende Augen, dreckige Beine, leere Vorratsflaschen, volle Herzen, nahezu überlaufend vor Glück. Bei Männern und Frauen, Kindern und Freunden. Schau hin. Im nu bist Du dabei, freust Dich mit, Tränen rinnen, alles wird warm, die Zeit ist egal und irgendwann kommen auch Deine Leute. Was für ein Fest.

Episode 4:Demonstration. Ich bin kein Demo-Profi. Diesmal muss es sein. Ich gehöre auch zu jenen, die Pegida für eine Momentaufnahme der Geschichte hielten. Das vertanzt sich. Von wegen. Im Zug der Studenten fühle ich mich wohl. Unter der Brücke denke ich an Hamburg. Am Rathaus wird klar, dass es viele sind. Der Zug zieht sich rund zwei Kilometer lang. Das sieht man, weil es um die Kurve geht. Zum Glück. Viele. Die Atmosphäre ist entspannt. Noch ist es hell. Dabei sein und gemeinsam dagegen sein, fühlt sich besser an als Nachrichten lesen oder hören. Danach ist mir immer schlecht. Das kann ich nicht gebrauchen. Wer soll denn da noch aufstehen und was Konstruktives machen können? Als es dunkel wird und wir sechs Polizisten aus NRW gegenüberstehen und die Pegida-Anhänger auf ihren Versammlungsplatz gehen, rufe ich auch „Schämt euch.“ Viele rufen das. Es klingt anders als wenn man es zu Hause alleine sagt nach der Nachrichtenlektüre. „Schämt euch. Schämt euch. Schämt euch.“ Ich meine das erst und wie. Und welche Resonanz die Worte in mir bekommen, weil sie viele schreien. Da steigt etwas auf, vergleichbar mit dem Gefühl im Hamburger Tunnel. Ich hätt schon Bock, den Spaziergängern die Wortbeiträge zu zerschreien. Wir sind doch viele. Wirklich Angst habe ich vor der möglichen Gewalt und schere aus als sich der Zug plötzlich neu formiert und gen Pegida läuft. Die sechs Polizisten aus NRW haben keine Chance. Kurz vorher wurde hinter mir gemurmelt: “Guck mal, nur sechs Polizisten. Die denken auch, hier ist der Studentenzug und die sind friedlich.“

Wenn viele da sind, verschwinden Grenzen, entstehen Kräfte, entwickelt sich etwas, was nur hier entstehen kann.

Lasst uns keine Maulhelden sein.