#Luai – Der Junge auf dem Foto aus dem Bus nach Clausnitz

Wir sind in der Erstaufnahmeeinrichtung Bergstraße in Dresden. Der Transferbus sollte eigentlich schon um 7.00 Uhr abfahren. Doch er hatte sich verspätet. Der Transferbus nimmt Flüchtlinge mit nach Chemnitz und von dort werden sie neu einquartiert. Luai, Ramzi und ihr Vater Majdi sind auch dabei. Sie sind aus dem Libanon kommend, in zwölf Tagen durch neun Läländernder gereist. Die Mama und zwei jüngere Geschwister sind noch dort. Das habe ich im Deutschkurs von den Brüdern erfahren. Für jeweils eine Woche unterrichte ich im Auftrag der Volkshochschule Flüchtlinge in den Wegweiserkursen. Ramzi ist 14 Jahre alt, Luai 15. Ramzi ist der ruhigere von beiden, sehr exakt und vorsichtig. Die Ampel, die das Beitragsbild zeigt, hat er im Unterricht gezeichnet. Als ich ein Foto machen wollte, hat er das bis dahin Gemalte weggewischt und alles noch einmal extra ordentlich gezeichnet. Jetzt durfte ich fotografieren. Luai ist so intelligent wie unruhig. Er spricht von den dreien am besten Deutsch, kann auch Französisch, Kopfrechnen, Malfolgen, alles kein Thema. Damit haben wir uns die Wegezeit vertrieben bis zum Kursraum. Wenn der Junge nicht irgendwie beschäftig ist, hängt er am Handy. Darin unterscheidet er sich überhaupt nicht von hiesigen Jungs. Wenn der Bart schon wächst, die Mama jedoch noch  vermisst wird, sind alle anstrengend. Das ist international.

Der Transferbus fährt reichlich zwei Stunden später nach Chemnitz. Luai will nicht mit. Er will auch nicht abklatschen und findet das alles doof. Er will hier bleiben. Er wollte auch nicht gerne zum Kurs. „Dieses -beeil dich, los, los-vom Sozialdienst“ kann er überhaupt nicht leiden. Doch wenn er da war, wars auch gut.

Die Sächsische Zeitung titelt heute auf der ersten Seite „Szene mit Nachspiel“. Der Junge, der in Clausnitz gewaltsam aus dem Bus gezogen wurde, ist Luai. Der 15- Jährige will Anzeige gegen die Polizei erstatten.

Zuerst fehlen mir die Worte. Dann kommt der Reflex, den die Praxishilfen für Flüchtlingslehrer so treffend beschreiben, ich fühle mich verantwortlich und kann nichts tun. Zumindest fällt mir nichts Sinnvolles ein. Ich schäme mich sehr sehr für das, was da passiert ist. Ich hatte dem Vater noch alles Gute gewünscht und nicht ein solches Chaos gemeint.

Und rings herum werden die Stimmen lauter, die den Jungen beschimpfen. Da fragt keiner, wie es ihm geht, ob er seine Mama vermisst, wie sich das anfühlt, so komplett aus dem Gleichgewicht gerissen zu werden und und und. Und am Ende stellt sich heraus, die Polizisten waren schlecht vorbereitet, es fehlt an diesem und jenem und irgendjemand nimmt seinen Hut. Doch was ist damit geklärt? Wir haben einen Schuldigen und alles bleibt wie bisher.

Nee. Leute, uns fehlen Nachdenken, der richtige Ton, Überlegen vorm Tun. So lange immer die Schuld bei anderen gesucht wird, geht’s niemals vorwärts. Das ist in jedem Unternehmen so, das ist in der Politik so, immer ist einer schuld und viel zu selten hebt einer den Finger und macht einen konstruktiven Vorschlag.

Wie sinnvoll ist eine Demo, wenn ein Flüchtlingsbus kommt? Wer will wem etwas sagen? Was soll damit erreicht werden? Wie würden wir uns in dem Bus fühlen, wenn es draußen eskaliert? Die feindselige Stimmung kommt an, die Worte werden nicht verstanden und wer kann, setzt sich diesem Schauspiel nicht aus. Und jetzt?

 

#Wahrheit#Wahrhaftigkeit

Vor wenigen Minuten hat Daniel Ellsberg in der Semperoper den Internationalen Friedenspreis erhalten. Live zugeschaltet – Edward Snowden. Whistleblower, der Urvater und sein Meisterschüler. Interessant ist, dass es im Deutschen kein adäquates Wort gibt für das, was beide getan haben. Ellsberg bekam auf seine diesbezügliche Frage die Antwort: „Verräter oder Petze“. Das klingt aus seinem Mund und von der Semperbühne besonders. Auch dafür gibt’s im Deutschen kein Wort. Ellsberg hat durch die Weitergabe der Pentagon-Papiere u.a. dazu beigetragen, dass die Welt die Wahrheit über den Vietnamkrieg erfährt. 1969, am 1. Oktober, schmuggelte er zum ersten Mal in einer Aktentasche Unterlagen an den Wachleuten vorbei. 7.000 Seiten hatte er einem Journalisten der New York Times übergeben. 1971 begann die Zeitung mit der Veröffentlichung. Heute sagt Ellsberg, dass er viel früher hätte damit beginnen sollen, Materialien zu schmuggeln. Seiner Meinung nach hätte er mehr Menschen das Leben retten können. Der Vietnamkrieg wäre womöglich eher beendet worden. Doch das sind Spekulationen. „Was alle Whistleblower eint“, sagt Ellsberg, sind drei Fakten: 1. Keiner hat damit gerechnet, diese Wirkung zu erzielen, 2. alle haben einen hohen Preis bezahlt und alle haben es nicht bereut und 3. alle Whistleblower bedauern, dass sie nicht früher, nicht deutlicher, nicht lauter gesprochen haben.“ So ist es nur schlüssig, dass Ellsberg eine Mission für uns hat: Wartet nicht, bis Bomben fallen, sagt die Wahrheit.“

Bui Truong Binh hat Daniel Ellsberg den Preis überreicht. Bui Truong Binh hat mit 19 Jahren Vietnam verlassen. Damals war Krieg in seiner Heimat und die Familie wollte, dass wenigstens einer von ihnen den Krieg überleben sollte. Binh hat die Amerikaner gehasst, sagt er. „Heute ist es ihm eine große Ehre als Vietnamese einem guten Amerikaner diesen Preis zu überreichen.“ 20160221_125311

Auch Ellsberg glaubt an die Veränderung. „Menschen können sich ändern. Mit ihrer Veränderung prägen sie auch ihr Land neu. Das ist möglich. Das sind ehrliche Prozesse“, sagt der heute 84jährige. Wir müssen uns nur immer wieder bewusst machen, wer ein Tyrann ist, nennt sich nicht so und niemand will Untertan sein. Es bedarf schon des Hinsehens und Denkens, Vor- und Nachdenkens. Naivität ist gefährlich. Also lasst uns ganz direkt die Wahrheit sagen. Warum ausgerechnet im Programm zu dieser Veranstaltung die Icons für Kamera- und Handyverbot abgedruckt waren, kann ich nicht erklären. Klar, Handy lautlos, dass ist Ehrensache. Aber Fotoverbot? Alle Anwesenden sollten unter dem #Wahrheit mal wieder etwas Gutes aus Dresden posten und twittern und der Welt zeigen, was geht. Und es ist möglich. Vom 3. Rang aus konnte ich deutlich sehen, dass das Fotoverbot erfreulich oft gebrochen wurde. Recht so. Und bitte, weitersagen. Mission Wahrheit läuft.