6. Etappe: Kurz vor Ostern weiß der Weihnachtsmann nicht, wohin

Rauschebart hat sich gerade so auf die Kreuzung gerettet. Wo sind die Rentiere? Und viel zu warm ist es auch. Der Weihnachtsmann hat wohl vor lauter Bescherungen die Zeit vergessen. Jetzt bringen ihn die Überstunden in Bedrängnis. Work-Life-Balance. Von wegen. Die Balance des ganzen nächsten Jahres ist in Gefahr.

Plüschweihnachtsmann, ca. 35 cm
Weihnachtsmann auf Straßenkreuzung

Völlig übermüdet hat der Alte mit dem Hasen Stress. Das ist seine Zeit. Die Süßigkeiten sind jetzt nicht mehr rund sondern eierförmig, ostereierförmig. So war das immer und jetzt? Jetzt buhlen zwei Superstars um die Herzen der Kinder und das Kleingeld der Eltern. Und wenn der Weihnachtsmann dann regulär wieder dran ist, hat er Burnout und die Eltern vermissen das Geschenke-Geld, denn bis dahin ist auch in der letzten Branche das Weihnachtsgeld gestrichen. Ist eigentlich jemand im Gegenzug mal drauf gekommen, Ostergeld einzuführen? Das wäre zwar nicht innovativ, jedoch wenigstens neu interpretiert. Das Weihnachtsgeld erfindet sich neu. Damit hats dann auch erst mal zu tun und der Weihnachtsmann ist wieder dran. Er könnte den Mantel ab- und sich Ohren anlegen und als Osterpraktikant dem Meister zur Hand gehen. Diese Inspirationen sind sicher sehr hilfreich, wenn es um die nächste Winterkollektion geht. Aber wird sich Langohr in seine Osterkarten schauen lassen? Wenn er seinem Praktikanten die alten Karten andreht, passiert auch an den Feiertagen, was uns aller zwanzig Jahre in der Mode ereilt. Du musst nur lange genug warten und wenn selbst die 13jährigen ihre Beine nicht mehr in die Skinnys gequetscht bekommen, nicht in der Wanne und nicht liegend auf dem Fußboden, ist Marlene wieder da, die gute alte Marlene-Hose mit Beinfreiheit für Raumgreifendes oder was die Trägerin sonst so vor hat. Ach, Weihnachtsmann, willste Schneider werden? Doch solange die Kaufhausketten mit den Papptüten Konjunktur haben, in denen man sich wohl aller fünf Wochen komplett neu einkleiden kann, ist das auch kein Zukunftsmodell, noch nicht mal, um über die Saison zu kommen, bis endlich wieder Weihnachten ist und Du Deine ganze Kompetenz ausspielen kannst. Aufnehmen darf ich Dich auch nicht. Die Wohnung gehört mir nicht und Weihnachten ist hochkommerziell. Die Steuern fehlten mir noch und es gibt auch gar kein Formular, in welches man die eintragen könnte. Gefahr gebannt.

Weihnachtsmann aus Plüsch auf Kreuzung mit Stadtreinigungsfahrzeug
Weihnachtsmannjob neu interpretiert. Moder. Flexibel.

Heute war er weg, der Mann fürs Feierliche. Die Stadtreinigung hat ihn nicht. Das hab ich gesehen. Modern. flexibel steht am Wagen. Weihnachtsmann hat das garantiert für sich interpretiert. Das können alle, die ihren Job können, ein Leben lang.

5. Etappe: Ich bin neu hier

Das Wetter wurde als wunderprächtig angekündigt. Da gab es kein Halten mehr. Der erste Longjogg 2015 war fällig. Die Runde hat etwas mehr als 26 Kilometer. Sie führt über die Eisenbahnbrücke von Niederwartha nach Meissen, dort wieder über eine Brücke und zurück. Ich habe Lampenfieber. In zwei Wochen wird der Schneeglöckchenlauf in Ortrand stattfinden. Dafür soll es die Generalprobe sein. Ich möchte wissen, wie nützlich das Krafttraining vom Winter war und ein Gefühl dafür bekommen, wie hart das Glöckchen wohl erkämpft werden wird.

Laufbild Rosa Hauch im Soester Anzeiger
Letzer Laufschnappschuss für 2014 in Soest, Silvesterlauf

2015 wird das Jahr der kuriosen Medaillen. Schneeglöckchen, Spreewaldgurke und Himmelsscheibe sind schon gebucht. Es ist mein fünftes Jahr als Marathoni. Und beim ersten diesjährigen Longjogg auf einer mir sehr gut bekannten Strecke stelle ich mich mental an, als wäre ich neu hier. Das Herz klopft bis zum Hals. Mir fallen all die Läufe ein, die nicht so rund liefen. Auch der allererste an dieser Stelle. Bei Kilometer 23 etwa war ich überhaupt nicht mehr in der Lage, zu reagieren. Die Spaziergänger nahmen, gefühlt, den ganzen Weg ein. Ausweichen konnte ich einfach nicht mehr. Ich lief wie am Schnürchen gezogen und rief nur: „Vorsicht, es wird eng.“ So ein Quatsch bei 50 Kilo Läufergewicht versus mehr mehr mehr im Spaziermodus. Es ist nicht alles logisch, wenn physische Grenzen erreicht sind. Einmal bin ich auch den letzten Kilometer gegangen, weil gar nichts mehr ging.

Heute sollte es anders werden. In diesem Jahr soll überhaupt einiges anders werden. Zum Start in die neue Saison nehme ich also auch den bekannten Weg in entgegengesetzter Richtung in Angriff, gegen den Uhrzeigersinn.

Die fünf ersten Kilometer waren schon deshalb schön, weil sich der Rhythmus einstellt und das müde Gefühl der vergangenen Jahre an dieser Stelle nicht. Eine Handvoll Gleichgesinnter sind unterwegs, Frauen und Männer. Der Finger schnippst lässig zum Gruß hoch und weiter gehts.

Gut gehts. Bei Kilometer 16 gibts ein Gel und etwas zu Trinken, wie sonst bei den Wettkampfstopps. Wenn ich das rote Haus sehe, sind es noch drei Kilometer. Ich sehe das rote Haus und sehe ein Umleitungsschild für den Radweg. Saftige Flüche pflastern selbigen. Physische Anstrengungen fordern eigene Gesetze. Das ist also geblieben.

Am Ende war es keine Rekordzeit, jedoch eine akzeptable mit einem 6:27er Schnitt. Ohne Musik am Straßenrand, ohne Anfeuern, ohne ohne wird es wohl bei den Schneeglöckchen ganz gut laufen. Lang war die Strecke trotzdem. Doch die insgesamt 238 Höhenmeter blieben Hügelchen. Ich brauchte keinen Boxenstopp und am nächsten Morgen hatte ich auch keine steifen Storchenbeine. Wintertraining okay. Respekt okay. Es kann weiter anders Laufen.

4. Etappe: Fahr ehrer gesucht

Seeeejo, sehehejo,…in aller Munde ist SEO. Suchmaschinenoptimierung….Search engine optimizing, um im IT-Sprech korrekt zu bleiben.

Die Idee dahinter:

Schreibe den Text, mit dem Du viele Menschen erreichen und begeistern möchtest so, dass eine Maschine, der Google-Robot, ihn lesen, einordnen, empfehlen und als Suchergebnis ausspucken kann, damit sie der gesuchte neue Leser auch finde, wenn er über Suchmaschinen ein bestimmtes Wort eingibt, um dazu Inhalte zu finden und sie anschließend lesen bzw. weiterverarbeiten kann.

Wow, Thomas Mann hätte seine Freude an diesem Bandwurmsatz. Oder auch nicht. Denn wenn konsequent alles Redaktionelle, Textliche im Internet so aufgearbeitet wird, hätte die Überschrift dieses Artikels überhaupt keine Chance. „Fahr ehrer gesucht“ stand auf der Heckscheibe eines vor mir fahrenden, weißen Fahrschulautos. Irgendjemand hat dem Chef das „l“ entwendet. Der gesuchte Lehrer ist ein ehrer. Wenn der gesuchte neue Mitarbeiter der Fahrschule ein guter Lehrer ist, wird er sowohl das Fahrzeug als auch den Fahrschüler und das Fahren ehren und einen respektvollen Unterricht veranstalten, ohne klischeeübliches Anschreien und Machogehabe. Sogesehen ist das geklaute „l“ der Schlüssel zu einer perfekten Charakterbeschreibung für diese Stelle. Genau so einen Typen sucht die Fahrschule. Ohne Worte und mit einem Buchstaben weniger den Gesuchten so effizient beschrieben, wie es besser nicht geht. Das Auge bleibt am fehlenden „l“ hängen und schon arbeitet der Geist optimal unoptimiert. Das menschliche Auge schaut auf. Google-Robot muss passen. Das Schlüsselwort fehlt.

Wir haben weder Keywords in der Headline, noch im Title-Tag, schon gar nicht im Description-Tag, kein Bild mit Alt-Tag oder Bildunterschrift, kein Keyword im Vorspann, nee, Teaser, wenn schon. Es gibt keine Zwischenüberschriften, keine Nebenkeywords, keine Anchor-Texte mit Keywords und auweija, die Keyword-Density, die Süße, überhaupt keine Bedeutung hat die Arme.

Es soll so sein, und darin sind sich alle Texte im Netz zu SEO einig, dass das alles nur erfunden wurde, um den Leser in den Mittelpunkt zu rücken.

Wenn wirklich alle Texter dieser Welt das ernst nehmen, sehen Firmenseiten bald aus wie die Korridore einschlägiger Hotelketten. Wo auch immer Du bist, ist an der gleichen Stelle der Lichtschalter. Für das Orientieren in der Dunkelheit hat das Vorteile. Bei Textinhalten über Waschpulver oder Autoreifen hab ich Zweifel.

Erst wenn Google-Robot anmeldet, dass er auch mal Lachen möchte, dass er Seiten originell finden will, dass er etwas noch in Jahren erinnern will, dann haben Handschriften wieder eine Chance.

3. Etappe: Ohne Moos nix los

Blog2.jpgRedewendungen, Sinnsprüche, komprimierte Erfahrungen. Jeder, der sie liest, hat so seine Vorstellungen dazu. Wer bei „ohne Moos“ nicht an gähnende Leere im Geldbeutel denkt, ist bestimmt Feng Shui-Meister oder Florist. Moose haben allerlei nützliche Eigenschaften, verbessern das Raumklima und sehen in Blumenarrangements auch sehr schön aus.

So Sprüche … was die bewirken können?! Welchen Effekt wird es wohl haben, wenn es heißt: “Beiß doch mal die Zähne zusammen!“ Während der Sportübertragungen haben Reporter das ganz oft gesagt. „Jetzt beißt er noch mal richtig…“. Nee, liebe Kollegen, das glaube ich nicht. Ich bin ganz sicher, wenn ein Athlet noch mal alle Kräfte mobilisiert, denkt der nicht ans Zähnezusammenbeißen. Probier es selbst mal aus. Streng Dich an bei irgendetwas, laufe schnell, stell in Windeseile alle Zutaten für den Kuchen zurecht, Staubsauge, was das Zeug hält. Es ist ganz gleich, womit Du das prüfst. Beißt Du dabei die Zähne zusammen, verkrampft Dein ganzer Körper. Meist drückt es den Kopf auf die Brust, die Atemwege werden enger, alles ist anstrengend, viel schwerer als gerade eben.

Wer läuft und noch mal so richtig einen raus lassen möchte, denke an Äthiopier, an ihre Eleganz beim Laufen, die ausladenden Schritte, die Wahnsinnsgeschwindigkeiten, reine Ästhetik. Und, wie fühlt sich das an? Niemand braucht zusammengebissene und am Ende gar abgebrochene Zähne, wenn er schnell laufen will. Wenn es gilt, ein Ziel zu erreichen, möchte man pfeilschnell sein, Siebenmeilenschritte machen, Fliegen.

Wer den Budenschwung in Rekordzeit genauso ordentlich wie immer schaffen will, denkt am besten, … ach, das schafft ihr schon. Es wird ein gutes, ein passendes, ein motivierendes Bild sein. Und jetzt nicht an einen gelben Elefanten denken. Tschuldigung.

Was so dahin geredet wird, hat auf einmal einen positiven, optimistischen Sinn. Faszinierend.

2. Etappe: Flatrate auf Erfindungen

Flatrate auf Erfindungen mit Kreativtechniken
Heute: Kombinieren und Verbinden – Dein Start ins Leben als Kreativer

Das Rad kennen wir. Und nun? Müssen wir es erneut erfinden oder uns immer wieder neu erfinden?

Wird mit 21. Jahrhundert etwas erfunden, geschieht das meistens durch die Kombination bereits bekannter Dinge, Sachen, Methoden, Verfahren und ihrer Verbindung in einer so noch nie da gewesenen Art und Weise. Das nennen wir dann genial. Wir staunen und staunen und meinen, das hätten wir so noch nie gesehen. Doch, haben wir, nur in anderen Kombinationen.

Daher bin ich auch so frech und behaupte, jeder ist kreativ. Jeder Mensch kann schauen, beobachten und das Gesehene neu mischen, würfeln oder eben kombinieren und verbinden. Soweit zur grauen Theorie.

Auf geht’s in die bunte Praxis.

Viele Seiten im Internet beschäftigen sich mit Kreativtechniken. Das Problem für Ungeübte ist, dass sie sich zu viel noch Unbekanntes vorstellen müssen. Wer mutig in sein neues Leben als Kreativer starten möchte, braucht ein paar Leitplanken, ein paar Bilder, Beispiele als Anregung.

Ein Seminar zu besuchen, ist oft zu teuer oder nicht erreichbar. Anschauungsvideos gibt’s viele doch was ist das richtige? Recherche endet in Zeitverschwendung und der eben erwachte Wunsch, kreativer arbeiten zu wollen, geht wieder schlafen.

Nicht heute. Heute gibt’s ein Beispiel für die Kreativtechnik Kombinieren und Verbinden:

Wir arbeiten mit Ton, Silikon, Wolle und Schnürsenkeln. Stirnrunzeln wahrscheinlich, ungläubiges Grinsen auch.

Ausgangspunkt: Ich möchte ein ganz besonderes Geschenk basteln. Dieses Geschenk soll aus roter Keramik sein und eine Abbildung der Marathonmedaille von New York enthalten. Problem: Keramik ist ein für mich völlig unbekanntes Material. Habe bisher nur einmal getöpfert und auch das war ein Experiment. Menschen, die problemlos Teller und Schüsseln töpfern können, können ja dranbleiben und sich amüsieren. Für alle anderen folgt …

Schritt1: Stempel bauen. Dazu verwendet man zwei Komponenten, die zusammengerührt eine Silikonmasse ergeben. Gibt’s im Netz für unter 20 Euro. Diese Masse wird in ein Gefäß geschüttet, welches ein wenig größer ist als die Medaille. Dann geduldig warten und die Medaille wieder entfernen. Der Stempel ist fertig.

Schritt2: Der Ton macht die Musik. Und wie der trompetet. Unzählige Versuche mit und ohne Scheibe sind schief gegangen. Es fehlen zwei gute Freunde, die Übung und die Zeit dafür. Der Wunsch nach einer roten Teller- bzw. Schüsselkeramik bleibt.

Schritt3: Auf der Suche nach unterschiedlichen Verarbeitungsmöglichkeiten von Ton kam ich auch auf Gießformen. Doch auch die sind teuer und so differenziert beschrieben, dass nur Auskenner wissen, was sie bestellen wollen. Irgendwo fand ich dann die einfache Lösung: Rolle den Ton mit dem Nudelholz. Das kann ich. Ist wie beim Plätzchen backen.

Schritte4-6: Platte gewalzt, Stempel in die Mitte gedrückt und den Rand gelocht.

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Schritte7-9: Trocknen. Brennen. Glasieren. Wer jetzt keine Schwägerin mit Brennofen hat, hat eine neue Herausforderung zu meistern. Ich habe Glück.

Schritt10: Schüsselrand häkeln. In diesem Beispiel wird vierfädig und mit Nadelstärke 4 gearbeitet. Der Rand muss sehr stabil sein.

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Schritt11: Schnürsenkel verbinden Rand mit Teller durch die angelegten Löcher. Schnürsenkel deshalb, weil sie erstens stabil sind und zweitens die Beschenkte mir die Schuhe zu oben erwähntem Marathon gesponsert hat. Konzeptkunst.

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Schritt12: Den verbleibenden Schnürsenkel teilen und Henkel formen. So kann die Schüssel auch getragen werden. Fertig.

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Wer kennt eine gestempelte Obstschüssel aus rotem Tonzeug mit Wollrand und Schnürsenkeln?

Ich freu mich auf Bilder weiterer Erfindungen, die durch Kombinieren und Verbinden entstanden sind.

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1. Etappe: Wie ungesund ist das Laufen in der Stadt?

Der Ansturm im Fitness Center hat sich gelegt. Die alljährlichen guten Vorsätze verblassen. Doch schon kommt, auch wie jedes Jahr, der Boom, mit Achim Achilles um die Wette zu Joggen. Die Kolumnen haben einfach noch mehr pepp, wenn man mitreden und dann auch viel besser mitlachen kann. So weit so wiederholend. Also raus.

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Die Luft ist herrlich. Die Sonne gibt ihr Bestes. Es ist knackekalt, nur ganz knapp unter Null. Der Himmel blank geputzt und schon lange vor mir munter. Straßen und Wege sind trocken, nur der Raureif auf den Pflastersteinen mahnt zur Vorsicht. Achtsam bleiben, ist immer richtig. Und da es auch für Jogger keine eigenen Verkehrsregeln gibt, bremst die rote Ampel für Momente meinen Lauf. Bei fünf davorliegenden Lichtsignalen hatte ich grünes Glück für kleine Zwischensprints. Es ist also ein guter Tag. Der Mensch wird nicht an jeder Ecke mit Warnungen vor irgendetwas aufgehalten. „Das bringt Ihnen gar nichts“, holt mich eine tiefe Stimme aus dem Hochgefühl. „Wieso, ich will doch in die Hügel“, antworte ich völlig irritiert. Doch den Typen interessiert mein Trainingsplan nicht. „Das Joggen hier ist gänzlich ungesund.“ Mit einem kopfschüttelnden „Rumsitzen aber auch“ verabschiede ich mich auf meine Strecke und habe weitere sieben Kilometer Zeit, darüber nachzudenken, ob er recht hat und warum vielleicht. Vor 14 Jahren schrieb die menshealth

„Auch wenn die Schadstoffwerte auf der Laufrunde höher liegen: Ausdauertraining im niedrigen Intensitätsbereich hat immer einen positiven Effekt“, sagt Dr. Bernd Gimbel, fachlicher Leiter am Institut für Trainingsberatung in Reinheim. Tipp: An Straßen mit Bäumen beziehungsweise mit Grünstreifen ist der Kohlenmonoxid-Gehalt in der Luft laut verschiedenen Studien geringer.“

Sollte sich in den vergangenen Jahren so viel verändert haben? Ich laufe im Dresdner Süden, nicht in Paris oder Bangkok?

Vor vier Jahren warnte auch die Süddeutsche in einem Artikel über eine Studie zum Thema Joggen in der Stadt: „An der Studie beteiligten sich 20 Männer, die bereits einen Herzinfarkt erlitten hatten. Sie trainierten zweimal 15 Minuten lang auf einem Fahrradergometer. Dabei atmeten sie entweder gefilterte Luft ein oder Dieselabgase in einer Konzentration, die auch im Straßenverkehr vorkommt.

Da die Studie jedoch an Männern durchgeführt wurde, deren Herzen bereits geschwächt waren, lassen sich die Resultate nicht direkt auf die gesunde Bevölkerung übertragen. Dennoch empfiehlt ein Experte aus Boston in einem Kommentar, nicht neben viel befahrenen Straßen Sport zu treiben.“

Über den inflationären Gebrauch der Qualifikation „Experte“ will ich mich hier gar nicht näher auslassen. Doch in Boston wird die Situation wahrscheinlich doch etwas anders liegen als in Döltzschen.

Und dann finde ich einen Artikel, den besagter Typ wohl heute mindestens fünf Stunden vor mir gelesen haben muss. Weil wir doch grad bei Experten waren. Auf Experto wird heute Thomas Pfister zum Thema Joggen in der Stadt zitiert: „Den meisten ist gar nicht bewusst, dass sie sich dadurch einer sehr hohen Gesundheitsgefahr aussetzen.“

Und weiter heißt es: “Das Jogging in der Stadt kann sehr schädlich sein und zu ernsten Erkrankungen führen. Da wäre es besser, wenn Sie erst gar nicht laufen würden.“ Das hatte ich heute doch schon mal gehört.

Folgt man den Aussagen des Artikels, liegt gewaltig viel Ärger in der Luft.

„Im Ruhezustand atmen wir etwa 10% der Luft in der Lunge ein und aus. Bei starker Anstrengung wie beim Jogging steigt diese Menge auf bis zu 60%. In den Lungenbläschen verbleiben immer 20% der Luft, gleichgültig wie stark wir ausatmen.

In den Lungenbläschen gelangt der eingeatmete Sauerstoff in winzige Blutgefäße (Kapillaren) und wird in alle Körperteile transportiert. Ein Lungenbläschen misst etwa 0,2 Millimeter. Seine Wand ist eine Schicht aus einzelnen Zellen. Diese Schicht ist sehr dünn, so dass die Gase leicht zwischen dem Lungenbläschen und den Kapillaren ausgetauscht werden können. Ist der Körper – wie zum Beispiel beim Jogging – unter Anstrengung, wird mehr Luftvolumen in die Lungen eingeatmet. Die Lungenbläschen erweitern sich. Somit werden auch die Autoabgase und der Feinstaub vom Körper aufgenommen. Das Risiko einer ernsten Erkrankung steigt, je öfter man sich in schlechter Luft bewegt.“

Dann folgen allerdings zehn Binsenwahrheiten und schon habe ich gar keine Lust mehr auf die Forschungsergebnisse des Herrn Pfister. In seinem ersten Punkt, der auf die Dämpfung der Schuhe abhebt, ist alles und gar nichts gesagt. Schade. Flachland. Punkt 5 der Aufzählung mahnt: Achten Sie auf den Verkehr und auf die Verkehrsteilnehmer. Ja und, ergänze ich, lassen Sie den Läufern unterwegs ihren Spaß. Ich fauche ja auch nicht jeden Käsebrötchen-Esser an, er solle es lieber gegen eine Mango eintauschen.

Prolog

Wie viele Seiten müssen geschrieben werden, um zwei Stunden zu füllen? Falsche Frage. Wie ist es für den fremden Leser möglich, nachvollziehen zu können, was in einem anderen Kopf so vorgeht? Schon besser. Wer will das wissen? Keine Ahnung. Habt ihr eine Vorstellung davon, was einem im Kopf rumschwirrt, wenn man zwei Stunden läuft? Bis vier Stunden kann ich liefern. Alles darüber hinaus ist auch für mich noch ein Geheimnis. 100 Kilometer, rund zehn Stunden laufen. Was denkt man da? Denkt man überhaupt noch? Ist das dann schon eine neue Dimension oder ist Denken dann irrelevant?

Ja, Denken ist wichtig. Vor-, nach-, um- und weiter-, Hauptsache Denken. Geistige Schlamperei macht mich rasend. Schablonen auflegen auch. Obwohl…Techniken sind auch eine Art Schablonen im Geiste. Kreativtechniken zum Beispiel. Gut, ich ziehe zurück. Es sind nicht die Schablonen. Es sind die Klischees. Frische Luft muss ran. Ideen wollen spazieren gehen. Also befreien wir sie, wo auch immer eine Tür zu viel verschlossen ist.

Improvisation zum Thema Du bist die Kunst.
Du bist die Kunst. Ausstellung in der Meissner Albrechtsburg