26. Etappe: Der Terminmagnetismus

Die Wurzel zeigt, hier geht’s lang. Sie ist alt und liegt schon lange da. Sie schaut auch auf die Oberfläche. Kennt sich aus.

Doch wochenlang passiert nichts, rein gar nichts. Die Tage dümpeln so dahin. Der Akku vom Handy reicht ewig. Fast hättest Du vergessen, dass Du ein Telefon hast. Es ist sehr ruhig. Wenn Du alle Handgriffe in Zeitlupe erledigst, kommst Du mit so einem Tag ganz gut hin.

Es ist auch sehr langweilig. Es ist zu langweilig. Du beschließt, etwas zu unternehmen. Du findest auch eine Veranstaltung, die Dich interessiert.

Gut. Sehr gut. Wie klar der Eintrag in Deinem Kalender blinkert. Du wirst etwas vorhaben. Noch nicht morgen, aber bald. Bald ist es soweit. Du bist zufrieden.

Doch kaum hast Du diesen Moment begonnen, auszukosten, zu genießen, klingelt das Telefon. Das Telefon, welches in die Permaruhe abgetaucht war, muss läuten und kann sich gar nicht mehr zurückhalten. Da ist jemand dran, von dem Du  lange nichts mehr gehört hast. „Wollen wir uns treffen? Ich schlage den…“ Und was hörst Du, genau der Tag ist auserkoren, auf dem Dein neuer Termin blinkert. „Ja passt, aber nur bis… .“ Ihr verabredet euch. Fühlt sich gut an. So viel zu tun. Was ist das denn? Auch im Mailpostfach tut sich so einiges. Drei Anfragen, ob Du etwas übernehmen könntest.

Vorbei die Zeitlupenruhe. Nix mit Dümpeln und Langeweile. Beeilen musst Du Dich, um alles zu schaffen.

Das Phänomen wiederholt sich. Und wann immer Du Lust auf was Neues hast, nimmst Du Dir selbst etwas vor. Dabei ist es völlig gleichgültig, was es ist. Ein Arzttermin, eine Ausstellung, ein Kinobesuch, Shoppen. Schreib Dir Deinen persönlichen Termin in den Kalender und lass Dich überraschen, was passiert.

Der Terminmagnetismus beginnt augenblicklich zu wirken. Er sendet Signale. Er sendet auf einer Frequenz, die niemand kennt und doch alle verstehen. Er sendet ins Universum und bekommt Antwort. Ungefragt. Einfach so. Leute, die sich sympathisch finden, finden sich, Leute mit gleichen Auffassungen finden sich, Termine finden Termine und kreuzen sich. Das machen sie überhaupt am Liebsten. Sie lassen auf sich warten und kommen dann geballt und wollen Entscheidungen hören, wollen eingeordnet werden. Dann stellen sie sich auch fein an, einer nach dem anderen.

Diese Termine mit ihrem Magnetismus. Ihre Sende-Frequenz zu berechnen, wäre ein Thema für den Nobelpreis.

Wohin deutet die Wurzel dieser Dynamik und warum?

 

 

25. Etappe: Relativitätspraxis

Knoten_kleinZeit ist relativ.

Dialog 1

Frau A: Ja, das stört mich auch, diese ewigen Veränderungen.
Frau B: Jetzt hatten wir diesen Kurs neun Jahre lang so und schon muss man sich wieder an etwas anderes gewöhnen.
Frau A: Fürchterlich.

 

Dialog 2

Frau C: Lesen Sie die Zeitung schon lange? Also über ein Jahr?
Frau D: Grübelt noch, was lange ist.

 

 

23. Etappe: Die 2015er Diplomausstellung in der Zitronenpresse

Wenn Kunst unser Leben spiegelt, sind wir hohl, leer und ausgebrannt.

Das trifft viele von uns. Alle stehen allein so vor sich hin. Von weitem sieht man es gar nicht. Doch alle im Saal eint das gleiche Schicksal. Es ist nicht wichtig, ob sie Burn out, Autoimmunkrankheit, Tinnitus oder Allergie heißen.raum

 

So aus dem Bauch heraus betrachtet, ist das auch kein Wunder. Aufwand zu Nutzen, Preis zu Qualität, Angebot zu Nachfrage, alles zweidimensional in unserem schönen Leben. Schön leben, noch schöner leben, schönflatscreenleben.

schöner lebenflatscreen

Es scheint, als würde dem Leben eine Dimension fehlen. Schau mal ganz genau hin, altehrwürdige Mauer, Du. Von wegen, Zitrone, sauer macht lustig. Sauer könnte man werden, wenn auf vergleichsweise ganz wenigen
Quzitroneadratmetern sich das ganze Elend ausbreitet. Hallo Kunst. Wenn Du mir zeigst, was unser Leben ausmacht, dass da nichts Natürliches mehr aufzuspüren ist, ist die Zeit vorbei, die Augen verschließen zu können. Weit aufgerissen, schauen die Fensteraugen staunend in die Welt.

müllUnterm Dach siehts aus wie im Keller. Müll, wohin man schaut. Und so weit oben, wie der liegt, bringt den in diesem Leben keiner mehr freiwillig weg.

Komm, Wuff, nimm mal die Spur auf. wuff
Wo ist noch Leben drin in diesem Leben? Auf dem Boden der Tatsachen findet Wuff Plastik. Bau Dir Deine Stadt, schön Plastik, clean, abwaschbar, austauschbar, konfiguriert.

Wohin jetzt? Flüchten in die Tradition oder ins nächste Jahrtausend? Das Leben, ein Bühnenbild? Der Himmel weint.

Gut, dass da immer jemand auf dem Olymp wacht. olymp

Es ist noch nicht zu spät. Wir lassen uns nicht in den Sack stecken.

 

 

tasche

22. Etappe: Vom Königsufer über New York nach Boston

kilometer„Wenn ihr alle nicht mehr da seid, fang ich eben das Laufen an.“ Als ich das vor etwa acht Jahren zu meiner Tochter sagte, stand für sie fest, dass sie nach Heringsdorf geht. Damit war Schluss mit dem Gewusel daheim. Beide Kinder und ihre Freunde, die regelmäßig zu Gast, zu Schlafgast oder irgendwie immer da waren, waren flügge.

Dann wirds leise im Haus. Und nun? Zum Abtrainieren der Großen-Topf-Kocherei, der Hausaufgaben, Jahresarbeiten, Bastelstunden, Kannste-ma-Schreiben-Einheiten ging die Muddi ihre Einheiten trainieren.

Das erste böse Erwachen kam beim Herz-Kreislauf-Lauf am Königsufer. Pissige     3 Kilometer und der Atem war weg. Völlig außer Puste pustete ich mich über die Ziellinie nach einer gefühlten Ewigkeit. Wie peinlich ist das denn? Große Klappe, nix dahinter.

Wie wenig von einstiger Leistungsfähigkeit übrig war. Sesselpupser war ich nie. Immer in Bewegung, immer auf Achse. Nee, nich was ihr jetzt denkt – Midlifecrises-Überschwer. Mein Gewicht lag bei 49 Kilogramm. Denn eitel isse auch noch.

Die Trainingsstrecken waren mir anfangs egal. Hauptsache laufen. Da das Büro der Laufszene in meinem Viertel liegt, hat Günni mich manchmal angesprochen, wenn wir uns zufällig trafen. Obs mir nicht langweilig wäre, hier zu Laufen. „Nö, ich will ja nicht Sightseeing machen. Ich will nur Laufen.“ Das hat sich inzwischen auch geändert. Aber der Reihe nach.

Wirklich richtig Klasse war das Gefühl, 10 Kilometer unter einer Stunde gelaufen zu sein. Dafür bin ich vor der Arbeit oder danach und irgendwie immer auf der Piste gewesen. Die ersten Laufklamotten gabs von denen, die eigentlich mal mit Kaffee begonnen haben. Die ersten Schuhe hat mir der Laufladen angepasst. Regulär trag ich 36. Eine 39 wurde mir freundlich präsentiert. Aha. So geht das also. Laufbandanalyse, gute Ratschläge, Socken und tschüss. „Übertreibs nicht“, ruft sie mir nach.

Von wegen. Gleich ab in den Großen Garten. Das erste mal richtig teure Schuhe. Jetzt aber Hackengas. Ich dacht, ich fliege … und kriege Blasen. Ab mit dieser Erfahrung in die Sparbüchse „Lehrgeld“.

Dann kommt der erste Halbmarathon in Dresden. Wenns nix wird, halten sich die Spesen wenigstens in Grenzen. 2 Stunden 11 Minuten. Im Ziel große Klappe, Fluppe, Glas Bleifrei.

Unter der Rubrik, „Dann kannstes ja auch richtig machen“ begann ab da das Marathontraining. Aus erwähnten Gründen war auch das ein Heimspiel beim Oberelbe-Marathon. Bei Kilometer 28 hatte sich die Familie versammelt. So richtig wollten sie es immer noch nicht glauben. Ich blieb mit 4:29 unter den gewünschten 4:30. Der Mann mit dem Ballon hat mich ins Ziel gerettet. Die Kinder schenken mir dort ein extra bedrucktes Shirt. Das ziehe ich heute noch gerne nach den Läufen an. I finished … vorne und hinten die Kilometerzahl. Es gab Blümchen, Küsschen, Tränen, Kaffee und Kuchen und ne Sportmassage vom Filius. Das war 2011.

Den Rat einer Marathonläuferin, ein paar Wochen vor dem Start keinen Alkohol zu trinken, hab ich ausgebaut. Den hab ich komplett vom Ernährungsplan gestrichen.

Bei den Zigaretten hats zwei Jahre länger gedauert. Der einzig wahre Grund für mich, Nichtraucher zu werden, war der Wunsch, in New York zu finishen. Lange Reisezeiten, lange Wartezeiten und Null Tolerenz im Läuferdorf sind handfeste Gründe, die Glimmstengel wegzulassen.

Und wie sich das gelohnt hat. Meinen 50. Geburtstag werd ich nie vergessen. Wenn Frank Sinatra´s New York New York am Start eingespielt wird, gibts ein innerliches Feuerwerk ohne Vergleiche. Du passierst die Verrazano Bridge und denkst, Du bist im Film. Der besteht aus Millionenfachem Highfive, Livemusik, Flaggen, lachenden Gesichtern, Straßen, Trinken, Gels, Park und Ziellinie mit Dir in der Hauptrolle. It´s not real but real.

Berlin war super, Frankfurt mit Bestzeit, Spreewaldmarathon ganz leise, Himmelswege mit der spektakulärsten Medaille, es gibt auf dem Marathonpfad viele Superlative. Und jetzt Boston. Sechs Jahre nach meinem ersten Marathon folgt der älteste. Die Muddi bei der Mutter aller Marathons.

Auf gehts Muddis und Mädels, wir sehn uns.

 

 

21. Etappe: Sehr geehrter Herr Dr. Schweinehund

schweinehundIch gratuliere Ihnen herzlich zur Promotion. Das ist eine reife Leistung. Wie Sie das nur immer wieder pünktlich schaffen, genau zwischen zweidrittel und dreiviertel der geplanten Strecke oder des Trainings aus Ihrer Zauberkiste zu krabbeln. Respekt, mein Lieber.

Es gelingt Ihnen zuverlässig, einen großen Teil der Energie abzuzweigen und sie für das blitzschnelle Entwerfen der Pläne B, C, D bis Z zu nutzen.

Und die Präsenz. Sie sind nicht einfach nur leise und flüstern zaghaft Ihre Vorschläge über Stock und Stein. Nein. Sie dominieren mit einigen Dezibel mein Hirn, dass ich es immer hören muss. Wer hat Sie dazu eingeladen?

Ich wäre viel leichter und vielleicht sogar schneller fertig, wenn ich nicht damit zu tun hätte, auch noch Debaten zu führen. Wie wäre es mit in der Kiste weiterschlafen, Herr. Dr. Schweinehund?

Heute zum Beispiel. Sechs Runden Beutler-Park waren angesagt. Nach der dritten Runde winkt der Ringelschwanz und in der vierten wird jeder Schritt schwer, als wäre Blei im Schuh. „Du musst doch nicht bis ganz runter laufen. Bieg doch gleich hier ab. Die Runde gilt auch, wenn Du diese Steigung nicht nimmst.“ Herrschaftszeiten. Was da für eine Energie benötigt wird, innerhalb von nicht zu denkender Zeit gedacht zu werden. Neue Routen, neue Ziele, schneller in der Sauna, Beine lang und dösen.

Als ich in der sechsten Runde am letzten Anstieg war, konnte ich sogar noch mal Tempo machen.

Es war mir eine Ehre, Herr Dr. Schweinehund.

Hochachtungsvoll
ich

PS: Original-Schweinehunde gibts bei Dr. Stefan Frädrich

 

 

20. Etappe: Die Zeit zwischen den Zielen

So. Nicht schlecht für die ersten sechs Monate. Knapp 100 Besuche im Fitnessstudio, zwei Marathons und einen 30er als Wettkampf. Die App zeigt mir insgesamt 1.341 zurückgelegte Kilometer an. Per pedes, Skater, Rudergerät und als Schwimmer. Und nun?

Pause, ja, nur nicht zu lang. Training auch ja, Doppel-ja. Doch wofür? Worauf? Wie genau? Manche Sportler berichten von einem Motivationsloch nach lange angestrebten Wettkämpfen.

Das teile ich nicht. Ich gehe gern trainieren. Allerdings macht es noch viel mehr Spaß, wenn es ein Ziel gibt.

Einen Vorteil hat die Zeit zwischen den Zielen: ich nehme die Kleinigkeiten am Wegesrand wieder wahr. Ich hab Zeit für Extras, extra Fotos, extra Liegestütze, extra Weggabelungserkundungsläufe und extra Geschichten.

Diese kleinen Fensterlädenhalter wären mir normalerweise nicht aufgefallen. Wer macht sich im 21.Jahrhundert noch so viel analoge Mühe?

blau grün

 

 

 

 

Oder das Grasbecken. Vorsicht beim Kopfsprung. Das Eintauchen in die Natur klappt besser. Ob mit dem Blick in des Himmelsblau oder durch die Wildnis der Grashalme, die Expedition bleibt spannend.

 

wieseSag mal, spinnst Du jetzt?

Ja, bald. Sehr bald. In der Zeit zwischen den Zielen wird gewaschen, getrocknet, gekämmt und gesponnen. wolleUnd beim Spinnen wird mir schon ein neues Ziel einfallen.

19. Etappe: Ideen für einen noch schöneren Himmelswegelauf

Als begeisterte Hobbyläuferin hatte ich mir den Himmelswegelauf wegen der Medaille ausgesucht. Die Himmelsscheibe ist ohne Zweifel die weitundbreit schönste Medaille, die sich ein Laie national erlaufen kann. Die Flyer zum Lauf lagen beim OberelbeMarathon in Dresden aus und auch in Frankfurt zur Laufmesse, dort zusätzlich mit einem Frühbucherrabatt versehen. Jetzt gab es also wirklich keinen Grund mehr, das Vorhaben zu verschieben. Gesagt getan und gefeiert.
Da der Himmelswegelauf auf vielen relevanten Veranstaltungen für die Läuferszene beworben wird, schließe ich daraus, dass die Veranstalter nichts dagegen hätten, wenn sich in jedem Jahr mehr Läufer für die Himmelswege begeistern könnten. Doch warum findet der Lauf in der Stadt Naumburg werblich überhaupt nicht statt? In jedem Schaufenster wird für das Kirschfest geworben. Keine Spur vom Marathon. Auch die kürzeren Läufe oder die Jedermann-Radtour werden an keiner Stelle erwähnt. Das ist sehr schade.
In Naumburg gibt es gewiss Sportler, Personaltrainer, Fitnesstempel, die sich an der Aktion beteiligen könnten. Gaststätten könnten ein Marathon-Menü anbieten. In Berlin hab ich ein solches an den Hackeschen Märkten genossen. Am Ende war es doch auch nichts anderes als eine lecker angerichtete Pasta-Schüssel. Doch was soll´s? Der Spaß war da. Die Tische waren voll. Die Läufer haben sich angenommen gefühlt. So etwas klappt doch nicht nur in der Hauptstadt?

Auf dem Naumburger Marktplatz stattdessen bedurfte es Diskussionen mit der Toilettenfrau, damit Läufer vor dem Lauf ihrer Aufregung gratis freien Lauf lassen durften. In der Stadt selbst schien niemand zu wissen, dass es einen wirklich reizvollen Landschaftslauf gibt, den nicht nur Naumburger Läufer absolvieren.
Apropos Läufer: Die Gespräche am Start drehten sich natürlich auch um die Strecke und ihr Profil. Das ist das wohl am besten behütetste Geheimnis. Die einen fanden es spannend, auf eine unbekannte Piste zu gehen, andere hätten doch gerne etwas gewusst. Ich auch. Erlebt habe ich dann 30 sanfte und 12 heftige Kilometer. Während beim vergleichbaren Oberelbemarathon (OEM) die ersten 10 Kilometer die meisten Höhenmeter haben, sind es bei den Himmelswegen die letzten 12, die es in sich haben. Über die Lauf-App hab ich insgesamt etwa 300 Höhenmeter registriert.
Versorgt wurden wir an der Strecke sehr professionell und fürsorglich. Dafür allen Helfern ein ganz großes Dankeschön. Auf der Shuttle-Rückfahrt von der Arche nach Naumburg verwunderte mich allerdings ein Einheimischer mit den Worten: “Wir haben es hier gerne sehr ruhig. Mehr Menschen sollten gar nicht kommen.“ Wirklich nicht?
Das wäre schade. Denn gerade die Geschichte rund um die Himmelsscheibe macht den Lauf zu einem Kompletterlebnis für Kopf und Körper.
Da gibt’s noch ganz viel Potential.

18. Etappe: Regen, Donnergrollen, Sonnenschein und Freudentränen

Ein Marathonresümee
Die Himmelswege haben es in sich. Dürfen sie auch. Sind ja schließlich keine Trampelpfade ins Nevernever.

Himmelswege sind schnell, steil, mystisch, droidisch.
Marathontourismus hat auch immer eine Heimatkundekomponente. Einmal am Park von Turnvater Jahn vorbei, dem Rotkäppchen am Wegesrand winken, Mohnblumenfelder bestaunen und vor den Künsten der Vorfahren auf die Knie gehen. Freiwillig und aus tiefster Überzeugung.
Das Sonnenobservatorium in Gosek ist solch ein Ort. Menschenleer. Ringförmig in den Boden gehauene Holzpfähle im Doppelkreis, in der Mitte eine Metallplatte mit Pfeilen. Sie zeigen auf die Aussparungen der Palisaden. Sonnenaufgang, SonnenuntePalisadenrgang, jeweils zur Sommer- und Wintersonnenwensonnenaufgangde. Vor 7.000 Jahren haben die Menschen besser beobachten können als wir heute.

Und sie hatten viel mehr Geduld. Hinschauen, begreifen, interpretieren, dokumentieren. Fertig. Ein droidischer Ort. Und ein guter Anfang zur Einstimmung auf den Lauf am nächsten Tag.
Die Startunterlagen gibt’s an diesem Freitag ab 16.00 Uhr in der Arche Nebra. Es bleibt noch Zeit für einen Museums-Kaffee und den Film im Planetarium. Gespielt wird immer, auch bei nur vier Zuschauern. Da ist sie, die Himmelsscheibe. Zum Greifen nah und zum Begreifen die Geschichte der Plejaden dazu. Es sind sieben Sterne, wie praktisch. Aller sechs Kilometer wird mir also ein frischer Stern zur Seite stehen können. Ich werde nicht allein sein. Sehr gut.
Doch am Start auf dem Marktplatz von Naumburg hätte ich das fast vergessen. Die Starter sammeln sich so langsam. Ein Wahnsinnsshirt-mit-Mann-drin-nach-dem-anderen. Zermatt und so. Rathaus
Ich halte mit dem Silvesterlaufshirt von Werl nach Soest dagegen. Es ist das einzig weiße Laufshirt in meiner Sammlung. Der Wetterbericht hat Hitze versprochen. Da schien es mir angemessen. Die Veranstalter hatte auch ein kostenloses Downgrade ob der Witterungsbedingungen angeboten.

Ich bin doch kein Mädchen.vor dem Start
Scheinbar aber doch. Die Muskelmänner haben mir Respekt eingeflößt. Der Magen spielt verrückt. Bloß nicht Letzte werden. Das wär so elend in einem überschaubaren Starterfeld von gerademal knapp 100 Läufern.
StartDie Drohne über dem Zielbogen schaut in mein ängstliches Gesicht. Es geht los.

Nach drei Kilometern waren auch die komischen Gedanken weg. Zwischen Kilometer 5 und 11 lief ich mit einem Herren, der schon 77 Marathons auf der Uhr hatte. Er wollte unter vier Stunden bleiben. Wir wechselten uns in der Führungsarbeit ab. Jeder durfte mal den Gegenwind schnuppern.

Etwa bei Kilometer 12 rollte ein Läufer im Ganzkörperkondom heCatsuiteran.

Er war der einzig Kostümierte. Weißer Hut, schwarz-weißes Dress. Unaufgeregt zügig ging´s an uns vorbei. Der 77er wollte mit und nicht mit der Mutti laufen. Tschüss dann. Wir sahen uns noch öfter.

Bei Kilometer 15 bis 17 lief ich mit drei jungen Leuten. Auch sie zogen irgendwann ab. Es regnete und donnerte unterwegs. Hoffentlich wird wegen des Gewitters nicht abgebrochen. Es wurde nicht.
Etwas später kam auch die Sonne vor und gab alles. Bis Kilometer 30 hatte ich mit 02:48 die für mich beste Zeit erreicht. Die Blasen waren inzwischen aufgegangen und taten nicht mehr so weh. Das war das Risiko. Nagelneue Einlagen tragen, um das Knie zu retten und Blasen riskieren oder keine Blasen und eventuell ein kaputtes Knie. Da das länger brauchen würde, um zu heilen, fiel die Entscheidung pro Blase aus. Fünf Plejaden hatte ich mit einer schwungvollen Armbewegung schon wieder gen Himmel geschickt. Die letzten beiden hatten die schwerste Arbeit.
Nachdem die Landschaft uns Läufer wahrhaft verwöhnt hatte, gab´s auf den letzten 12 Kilometern den Weinbergbonus. Schotterwege, Treppchen, ordentlich Profil. Hier traf ich auch die drei Studenten wieder, gehend.
Die gemessenen rund 300 Höhenmeter verteilten sich aufs letzte Viertel und speziell auf den Zielberg zur Arche. Gefühlte 8 Prozent bis zum Olymp.
An dessen Fuße der Zermatte, ermattet, gehend. Es ist nicht alles wie es scheint.
Jetzt strahle ich mit der Himmelsscheibe um die Wette. Dafür, dass man laut Veranstalter Waldemar Cierpinski hier keine Bestzeiten laufen kann, fühle ich mich mit nur acht Minuten drüber richtig gut.
Nach sechs Stunden schließt der Marathon. Reichlich fünfeinhalb sind schon verstrichen. Noch immer keine Spur von den sympathischen Berlinern, die kurzentschlossen am Morgen nachgemeldet hatten. Sie erklimmen den Berg, als wir schon auf dem Rückweg zum Shuttle sind. Cool. Doch noch geschafft.

Ich heule, weil es so schön ist, weil das Adrenalin dafür sorgt und weil mal alles gut wird.urkunde
Gute Ideen für den Lauf hab ich auch noch. Doch dazu später.

Der Himmel ist eine Scheibe.

17. Etappe: Kein Team. Keine Challenge. Ein Perspektivwechsel.

7. Rewe Team-Challenge. Ob die „7“ Glück bringt? Fakt ist, es ist meine erste Challenge als Zuschauer. Kein Team. Keine Challenge. Noch so ein Ding, was ich üben muss. Die Therapie dafür heißt paradoxe Intervention. Ich geh zum Jubeln hin.

Und, gar nicht paradox, es hat geholfen. Siggi, der Punkt geht an Dich.

Fünf Kilometer haben es in sich. Die einen sind im Ziel noch gar nicht richtig warm, die anderen kurz vorm Zusammenbruch. Verbissene Gesichter, lachende Gesichter, winkende Menschen, hyperkonzentrierte Menschen, die erst kurz vorm Stadioneinlauf die Ohrstöpsel entfernen. Bei manchen sitzt der Schweinehund nahezu sichtbar auf den Schultern, andere sind stolz. Läuft.

Führungsfahrzeug
Führungsfahrzeug

Läuft sehr inspirierend bei der Diakonie. Als acht Menschen im blauen Shirt Richtung Stadion laufen, haben sie eine unglaublich starke Ausstrahlung. Sie lachen, sie wirken stolz. Sie gehören zusammen und zeigen das auch. Auf dem Rücken hat jeder einen großen Buchstaben der DIAKONIE. Sie tragen ihr Kreuz gemeinsam. Hammer. Keine Ahnung, wie oft sie sich im Alltag streiten und ob einer den anderen lieber von hinten sieht. Nicht in diesem Moment. Und wenn es so wäre, kommt der Moment beim nächsten Mal genau diesen Moment später. Team-Challenge.

Auch die Infinions haben mich beeindruckt. Im grünen Reinraum-Rennoutfit sind bis auf einen Läufer alle in der 28. Minute in einer grünen Wolke über den Zielstrich gelaufen. Das sind keine Turnbeutelvergesser, diese Turnbeutelläufer. Das ist ein Team. Zumindest haben sie das für die Zuschauer präsentiert. Apropos Reinraum, man kann ja nie reinschaun, was die Leute sonst noch bewegt. Doch es ist bewegend, wenn die Schnellen auf die Langsameren warten, um gemeinsam einzulaufen.

Das hab ich als Zuschauer von der Jubeltruppe so das erste Mal erleben dürfen. Und ich habe die gesehen, die ich für mein Team hielt. Jeder für sich und alle im Run um die Bestzeiten. Die Diskussionen am nächsten Tag, wer war wie schnell, waren wichtiger, sind wohl immer noch wichtiges Teamerlebnis.

Challenge accept.