7. Etappe: Lauf ABC einmal anders

Sprint zurück ins Leben
Sprint zurück ins Leben, David Behre

Achilles interviewt Behre über Chancen

„Sprint zurück ins Leben“ heißt das Buch, in welchem David Behre die Geschichte seiner drei Leben erzählt. Leben1 stellt den motocrossverrückten Jungen vor, Leben2 kämpft mit dem verunfallten David im Krankenhaus, Leben3 strahlt vom Siegertreppchen in die Welt der Leistungssportler.
Klingt ungewöhnlich, ist noch ungewöhnlicher. Schauburg Dresden, 18.März, kurz vor 20 Uhr. Der Werbeblock kommt noch. Es beginnt mit

Erfolgsgemurmel
Der Saal füllt sich und erfüllt die Atmosphäre mit Laufgeschichten. Hab euch vermisst auf dem Weg nach Salzburg? Wie war denn New York? Viele kennen sich vom Startgebibber, vom bleifreien Zielbier, von unterwegs. Personaltrainer, Laufurgesteine, sie sind alle da. Hast Du Deinen Trainer noch? Was hast Du so vor? Seid ihr noch dabei? Also jeden zweiten Tag sind wir am Ball. Ich schicke von überall her Karten. Läuferfreundschaften sind Freundschaften fürs Leben.

Zuschauer lesen im Dresdner Laufbuch
Dresden läuft, Tino Meyer

Auf die Plätze
Ganz voll ist der Saal nicht. Achim: “Ihr könnt gerne runter kommen und in den ersten zwei Reihen den Schweiß von Spitzensportlern richtig spüren. Besonders alleinstehende Damen unter 40.“
Achim, das war ´ne Gelbe. Auch wenn wir an diesem Abend alle die Champions League schwänzen. Er macht es wieder gut mit dem regionalen Werbeblock für das Buch „Dresden läuft“ von Tino Meyer.

Trotz oder wegen Achims Vorwort, die Laufszene in Dresden wächst. Wir haben auch Olympia verdient, meint Tino, den Flughafen hätten wir ja schon. Dass wir in Klotzsche ein ganz anderes Problem zum Abheben haben, gehört allerdings heute nicht aufs Podium. Die zwei Marathons in Dresden hingegen schon. Landschaftsmarathon vs. Stadtmarathon. Nachdem am 09.November 1998 beide Veranstaltungen liefen und sich die Wege der Läufer auch kreuzten, entschied man sich später, den Oberelbemarathon im Frühjahr und den Citymarathon im Herbst zu machen. Es gibt zwar noch kein Bundlearrangement für den Doppelstart, aber möglich wäre es für gut Trainierte, zwei Marathons vor der Haustür zu laufen. Mut braucht man immer, sowohl für lange Wege an der Elbe entlang, mit begeistertem Gänsegeschnatter und Dampferhupen statt Livebands und Motivationsschilder als auch für die nervtötende zweite Runde beim Stadtmarathon. Auf jeden Fall ist Laufen nach Achims Empfehlung das Ding für Singles. Entweder Laufen oder glückliche Partnerschaft. Und schon sind wir wieder auf der Bühne bei Achim und David, der alle Sauigeleien des Kolumnisten pariert.
Erst Fahren, dann Lesen
Leben1: Der crossverrückte Junge
Noch bevor David die Tipps und Tricks für Crossanfänger lesen konnte, machte er keine Anfängerfehler mehr. Mit fünf Jahren hatte er seine erste Maschine. Vati schraubte, Mutti kochte. Die Bilderbuchfamilie trieb es jedes Wochenende in den Matsch. Mit Wohnwagen und Bikes konnte es nicht krass genug zugehen. Heute weiß David, dass er in diesem Sport allerdings kein Geld hätte verdienen können. Davids Stimme klingt anders als im Werbeblock, wenn er über seine Familie spricht. Die mögen sich wirklich. Seine Eltern wohnen noch immer in der Bergbausiedlung, weil der Opa auf dem Pütt Elektriker war. Bürgerlich gings schon zu, aber nicht klischeehaft, wie Achim provoziert. Von wegen, Waldorfkinder sind ewig am Tanzen, essen ausschließlich vegan und fahren maximal Fahrrad. David versteht auch IT-Sprech und mit 19 Jahren hat er nach dem Abitur Migranten EDV-Kurse gegeben. Fachinformatiker wollte er werden, doch dann kam der Unfall.
Leben2 kämpft mit dem verunfallten David im Krankenhaus
David hat noch etwa 400 Meter bis nach Hause. Es ist sehr früh. Sie hatten die Rückkehr eines Freundes gefeiert. Die Schranken waren offen. Der Zug kommt trotzdem und nimmt ihn mit. Der Knall ist David wohl noch sehr gegenwärtig. Drei Stunden fehlen, sagt er. Auf seine anschließenden Hilferufe hat wohl nur eine Frau reagiert. Es gibt einen Film beim WDR in der Sendereihe Quarks &Co, der den Hergang erklärt. David kann darüber reden, will darüber reden. Inzwischen ist er Unfallbotschafter und motiviert gerade junge Menschen, an sich zu glauben. Jährlich werden in Deutschland 60.000 Menschen amputiert. Nicht immer ist es so dramatisch, wie bei David. Er sagt, er hätte tot sein müssen. Die Dankbarkeit, dass es anders kam, formuliert er ins Helfen, in seine Flapsigkeiten, keine Haxen mehr zu haben, keine stinkenden Socken, keine juckenden Zehen, keine Schienbeinprellung. „Der Unfall ist das Beste, was mir passiert ist“ provoziert als Aussage und will bewiesen werden.beine
Womit wir zum überregionalen Werbeblock kommen. David hat mit der Ergo einen Versicherungspartner. Er sagt es laut und öffentlich, dass es ohne die finanzielle Absicherung durch die Unfallversicherung nicht möglich gewesen wäre, Rekorde zu laufen. Achim konzentriert unser aller Erfahrungen in der Bemerkung, „ja, versichert sind Sie, aber nicht, wenn es an einem Donnerstag passiert und schon gar nicht mit dem Blick…“ der Saal schmunzelt und runzelt gleichzeitig die Stirn. Viel zu oft wird Partnerschaft anders interpretiert. Es ist das Glück im Unglück, das David ein drittes Leben schenkt.
Leben3 strahlt vom Siegertreppchen in die Welt der Leistungssportler.
Vom Krankenbett aus, noch vollgepumpt mit Würzburger Mischung, sieht David 2008 Paralympics-Star Oscar Pistorius im Fernsehen. „Das will ich auch.“ Die Wirkungen des Schmerzmittelcocktails haben irgendwann nachgelassen, Davids Ambitionen nicht. Seine Physiotherapeutin machte ihm Dampf, den Psychologen hat er weggeschickt. Das erste Mal in Prothesen stehen, war die Hölle, das erste Staffelgold gewinnen, schenkt Jahre später noch uns Zuhörern Gänsehaut. Sind sechs Wochen eine lange oder kurze Frist? Was haben wir alle in einer solchen Zeit schon einmal erreicht?
Für David sind von den ersten fünf Gehminuten in Prothesen mit Rollstuhlambitionen für den Rest des Lebens sechs Wochen vergangen, um ohne Komplikationen Gehen zu können. Es entsteht ein ganz neues Gangbild. Jedoch muss er für jeden seiner Schritte die doppelte Kraft aufwenden im Vergleich zu einem Schritt mit zwei gesunden Beinen. Der Schaft der Prothese ist aus Hartplastik. Bei Bedarf wird sie in Form geföhnt, um optimal an den Stumpf zu passen. Achim war richtig enttäuscht, weil es so etwas nicht für den Sixpack gibt.
Nach drei Jahren haben sich Prothese und Bein angefreundet. Zumindest war das bei David so. Dann kamen die Rennfedern. Für ein Bein kostet eine solche Anfertigung komplett 15.000 Euro. Die Feder allein kostet 5.000 Euro und sechs bis acht braucht David pro Jahr. Zwei Firmen weltweit gibt es wohl dafür, eine in Island, eine in Deutschland. Mehrfach erwähnt David, wie komfortabel seine Situation ist, wirklich nur trainieren zu dürfen. Zweimal täglich schwingt er sich auf seine Vorfußfederfüße. Eine Trainingseinheit zum Nachmachen wäre zum Beispiel je sechsmal 100, 150 und 200 Meter Sprints mit einer durchschnittlichen Leistungsintensität von 60 bis 80 Prozent. Bei David sind das dann 26-28 Sekunden für die 200 Meter. Noch Fragen? ergebnisse
Bis zur Olympiade in Rio sind es nur noch 17 Monate. David will Paralympics Gold auf der Stadionrunde. Die 400 Meter Distanz soll es sein, ausgerechnet…. Einfach geil.

Veröffentlicht von

Rosa Hauch

geboren 1963 in Ueckermünde und in manchen Dingen auch fischköppig geblieben, zwei Kinder, in Lebensgemeinschaft lebend, Journalistin, Dozentin Erwachsenenbildung, Diplomökonomin

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