30. Etappe: Ein Ostfriesenwitz im Tagebuch der Silbernen Reiter

Die Lesebühne wird berühmt, bestimmt bis Aurich.

Liebes Tagebuch, die Silbernen Reiten sind aus der Sommerpause zurück. Weil das Wetter so schön war, haben sie selbige vier Wochen länger gefeiert. Aber jetzt sind sie umso präsenter und gleich mit Gästin auf der Bühne erschienen.

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Kuddeldaddeldu besucht seinen Onkel Heini, singt Thomas Lautenknecht zur Gitarre und mitten im Publikum. Das Publikum ist heute besonders. Das Publikum im sächsischen Projekttheater versteht Platt und ist platt. Damit hatten sie nicht gerechnet. Beide nicht. Die darbietende Künstlergruppe nicht und die Abiturklasse auch dem IGS Aurich-West nicht.

Ellen Röttger, Deutsch- und Kunstlehrerin an der Integrierten Gesamtschule, hat mit ihren Kollegen für die jungen Leute ein anspruchsvolles Programm zur Klassenfahrt zusammengestellt. Ausstellungen, Wanderungen, Barock und Moderne in Dresden und Berlin.

„Man sagt, es soll lustig sein“, unterhielten sich die Mädchen vor der Veranstaltung. „Aber ob wir in unserem Alter die Witze auch verstehen?“ Wer so reflektiert unterwegs ist, hat nichts zu befürchten.

Der Saal wird dunkel, die Bühne beleuchtet und schon reiten sie ein, die Silbernen Reiter.

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Udo Tiffert, Konstantin Turra, Thomas Lautenknecht und Moritz7 gehören zu den etablierten Poeten der Szene. Doch sie treten nicht etabliert auf. Obwohl sie regelmäßig ein Stammpublikum begrüßen, spürt man das Aufregende, das Gespannte, das immer wieder Neue eines Auftritts nicht nur in der ersten Reihe.

Der Name der Gruppe ist die ewig junge Anspielung auf den Goldenen, der unweit des Theaters reitet. Und gerade nachts strahlen sie um die Wette, brillieren die silbernen mit Wortspielen, Wortwitzen, aktuellen wie Alltagsthemen. 20151013_191355

Sophia Güttler ist die Gästin des Ensembles. „Lasst mich in meinem Umfeld, bevor man umfällt“, so eine Zeile aus Sophias Text über eine Blume am Wegesrand. Sie spürt, wie die Schuhe immer näher kommen und … . In einem anderen Text fährt Sophia Straßenbahn, beobachtet die Leute, bewertet sie, sich und ihr Leben. Konstantin fiebert enormen Veränderungen in seinem Leben entgegen. Er wird demnächst Vater. Vielleicht ist er es ja auch schon. Kein Wunder also, dass er über Geburtsvorbereitungskurse, volle Windeln, Sex in den Trimestern der Schwangerschaft, Hebammen und Wegatemgeräusche fabuliert.

Die Ostfriesinnen und Ostfriesen sind fasziniert. Ja, sie verstehen die Witze und nein, so etwas gibt es in Aurich nicht. „Wer sitzt, sahnt ab. Wer flitzt, kriegt einen Tritt in den Allerwertesten.“ Sollte das ein sächsisches Phänomen sein? „Die Einheit von Geben und Nehmen, von Magnet und Kühlschrank“ ist doch national, wenn nicht international? „Achte darauf, was Du sagst. Wieso, auf mich hört doch sowieso keiner. Und überhaupt, Aufstehen lohnt sich nur, wenn man dagegen ist.“

120 Minuten großes Kino auf der Kleinkunstbühne vergehen schnell und wehen lange nach.

Sprache gilt als Hilfswerkzeug für Kommunikation, sagt der Dichter. Es wird zwar kolportiert, dass die Nordlichter weniger schwätzen als die Sachsen, doch das ist kein Nord-Süd-Konflikt, wie die Notizen im Gästebuch der Reiter beweisen.

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Vanessa, Antje und Henrike würden sicher gerne auch in Aurich eine Lesebühne besuchen. Zumindest wurden sie von ihren Lehrern direkt in der Pause schon aufgefordert, selbst etwas zu schreiben. Auch Ostfriesen nörgeln, plaudern, poltern, sind zerstörerisch oder auch schwärmerisch, prosaisch oder lyrisch. Auch in Aurich steht jeden Morgen einer auf und will dagegen sein oder dafür. Alles andere wäre traurig, Aurich. Und demnächst lassen sich sächsische Abiturienten von der Kleinkunstszene Ostfrieslands überraschen.

Veröffentlicht von

Rosa Hauch

geboren 1963 in Ueckermünde und in manchen Dingen auch fischköppig geblieben, zwei Kinder, in Lebensgemeinschaft lebend, Journalistin, Dozentin Erwachsenenbildung, Diplomökonomin

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