22. Etappe: Vom Königsufer über New York nach Boston

kilometer„Wenn ihr alle nicht mehr da seid, fang ich eben das Laufen an.“ Als ich das vor etwa acht Jahren zu meiner Tochter sagte, stand für sie fest, dass sie nach Heringsdorf geht. Damit war Schluss mit dem Gewusel daheim. Beide Kinder und ihre Freunde, die regelmäßig zu Gast, zu Schlafgast oder irgendwie immer da waren, waren flügge.

Dann wirds leise im Haus. Und nun? Zum Abtrainieren der Großen-Topf-Kocherei, der Hausaufgaben, Jahresarbeiten, Bastelstunden, Kannste-ma-Schreiben-Einheiten ging die Muddi ihre Einheiten trainieren.

Das erste böse Erwachen kam beim Herz-Kreislauf-Lauf am Königsufer. Pissige     3 Kilometer und der Atem war weg. Völlig außer Puste pustete ich mich über die Ziellinie nach einer gefühlten Ewigkeit. Wie peinlich ist das denn? Große Klappe, nix dahinter.

Wie wenig von einstiger Leistungsfähigkeit übrig war. Sesselpupser war ich nie. Immer in Bewegung, immer auf Achse. Nee, nich was ihr jetzt denkt – Midlifecrises-Überschwer. Mein Gewicht lag bei 49 Kilogramm. Denn eitel isse auch noch.

Die Trainingsstrecken waren mir anfangs egal. Hauptsache laufen. Da das Büro der Laufszene in meinem Viertel liegt, hat Günni mich manchmal angesprochen, wenn wir uns zufällig trafen. Obs mir nicht langweilig wäre, hier zu Laufen. „Nö, ich will ja nicht Sightseeing machen. Ich will nur Laufen.“ Das hat sich inzwischen auch geändert. Aber der Reihe nach.

Wirklich richtig Klasse war das Gefühl, 10 Kilometer unter einer Stunde gelaufen zu sein. Dafür bin ich vor der Arbeit oder danach und irgendwie immer auf der Piste gewesen. Die ersten Laufklamotten gabs von denen, die eigentlich mal mit Kaffee begonnen haben. Die ersten Schuhe hat mir der Laufladen angepasst. Regulär trag ich 36. Eine 39 wurde mir freundlich präsentiert. Aha. So geht das also. Laufbandanalyse, gute Ratschläge, Socken und tschüss. „Übertreibs nicht“, ruft sie mir nach.

Von wegen. Gleich ab in den Großen Garten. Das erste mal richtig teure Schuhe. Jetzt aber Hackengas. Ich dacht, ich fliege … und kriege Blasen. Ab mit dieser Erfahrung in die Sparbüchse „Lehrgeld“.

Dann kommt der erste Halbmarathon in Dresden. Wenns nix wird, halten sich die Spesen wenigstens in Grenzen. 2 Stunden 11 Minuten. Im Ziel große Klappe, Fluppe, Glas Bleifrei.

Unter der Rubrik, „Dann kannstes ja auch richtig machen“ begann ab da das Marathontraining. Aus erwähnten Gründen war auch das ein Heimspiel beim Oberelbe-Marathon. Bei Kilometer 28 hatte sich die Familie versammelt. So richtig wollten sie es immer noch nicht glauben. Ich blieb mit 4:29 unter den gewünschten 4:30. Der Mann mit dem Ballon hat mich ins Ziel gerettet. Die Kinder schenken mir dort ein extra bedrucktes Shirt. Das ziehe ich heute noch gerne nach den Läufen an. I finished … vorne und hinten die Kilometerzahl. Es gab Blümchen, Küsschen, Tränen, Kaffee und Kuchen und ne Sportmassage vom Filius. Das war 2011.

Den Rat einer Marathonläuferin, ein paar Wochen vor dem Start keinen Alkohol zu trinken, hab ich ausgebaut. Den hab ich komplett vom Ernährungsplan gestrichen.

Bei den Zigaretten hats zwei Jahre länger gedauert. Der einzig wahre Grund für mich, Nichtraucher zu werden, war der Wunsch, in New York zu finishen. Lange Reisezeiten, lange Wartezeiten und Null Tolerenz im Läuferdorf sind handfeste Gründe, die Glimmstengel wegzulassen.

Und wie sich das gelohnt hat. Meinen 50. Geburtstag werd ich nie vergessen. Wenn Frank Sinatra´s New York New York am Start eingespielt wird, gibts ein innerliches Feuerwerk ohne Vergleiche. Du passierst die Verrazano Bridge und denkst, Du bist im Film. Der besteht aus Millionenfachem Highfive, Livemusik, Flaggen, lachenden Gesichtern, Straßen, Trinken, Gels, Park und Ziellinie mit Dir in der Hauptrolle. It´s not real but real.

Berlin war super, Frankfurt mit Bestzeit, Spreewaldmarathon ganz leise, Himmelswege mit der spektakulärsten Medaille, es gibt auf dem Marathonpfad viele Superlative. Und jetzt Boston. Sechs Jahre nach meinem ersten Marathon folgt der älteste. Die Muddi bei der Mutter aller Marathons.

Auf gehts Muddis und Mädels, wir sehn uns.

 

 

Veröffentlicht von

Rosa Hauch

geboren 1963 in Ueckermünde und in manchen Dingen auch fischköppig geblieben, zwei Kinder, in Lebensgemeinschaft lebend, Journalistin, Dozentin Erwachsenenbildung, Diplomökonomin

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