23. Etappe: Die 2015er Diplomausstellung in der Zitronenpresse

Wenn Kunst unser Leben spiegelt, sind wir hohl, leer und ausgebrannt.

Das trifft viele von uns. Alle stehen allein so vor sich hin. Von weitem sieht man es gar nicht. Doch alle im Saal eint das gleiche Schicksal. Es ist nicht wichtig, ob sie Burn out, Autoimmunkrankheit, Tinnitus oder Allergie heißen.raum

 

So aus dem Bauch heraus betrachtet, ist das auch kein Wunder. Aufwand zu Nutzen, Preis zu Qualität, Angebot zu Nachfrage, alles zweidimensional in unserem schönen Leben. Schön leben, noch schöner leben, schönflatscreenleben.

schöner lebenflatscreen

Es scheint, als würde dem Leben eine Dimension fehlen. Schau mal ganz genau hin, altehrwürdige Mauer, Du. Von wegen, Zitrone, sauer macht lustig. Sauer könnte man werden, wenn auf vergleichsweise ganz wenigen
Quzitroneadratmetern sich das ganze Elend ausbreitet. Hallo Kunst. Wenn Du mir zeigst, was unser Leben ausmacht, dass da nichts Natürliches mehr aufzuspüren ist, ist die Zeit vorbei, die Augen verschließen zu können. Weit aufgerissen, schauen die Fensteraugen staunend in die Welt.

müllUnterm Dach siehts aus wie im Keller. Müll, wohin man schaut. Und so weit oben, wie der liegt, bringt den in diesem Leben keiner mehr freiwillig weg.

Komm, Wuff, nimm mal die Spur auf. wuff
Wo ist noch Leben drin in diesem Leben? Auf dem Boden der Tatsachen findet Wuff Plastik. Bau Dir Deine Stadt, schön Plastik, clean, abwaschbar, austauschbar, konfiguriert.

Wohin jetzt? Flüchten in die Tradition oder ins nächste Jahrtausend? Das Leben, ein Bühnenbild? Der Himmel weint.

Gut, dass da immer jemand auf dem Olymp wacht. olymp

Es ist noch nicht zu spät. Wir lassen uns nicht in den Sack stecken.

 

 

tasche

22. Etappe: Vom Königsufer über New York nach Boston

kilometer„Wenn ihr alle nicht mehr da seid, fang ich eben das Laufen an.“ Als ich das vor etwa acht Jahren zu meiner Tochter sagte, stand für sie fest, dass sie nach Heringsdorf geht. Damit war Schluss mit dem Gewusel daheim. Beide Kinder und ihre Freunde, die regelmäßig zu Gast, zu Schlafgast oder irgendwie immer da waren, waren flügge.

Dann wirds leise im Haus. Und nun? Zum Abtrainieren der Großen-Topf-Kocherei, der Hausaufgaben, Jahresarbeiten, Bastelstunden, Kannste-ma-Schreiben-Einheiten ging die Muddi ihre Einheiten trainieren.

Das erste böse Erwachen kam beim Herz-Kreislauf-Lauf am Königsufer. Pissige     3 Kilometer und der Atem war weg. Völlig außer Puste pustete ich mich über die Ziellinie nach einer gefühlten Ewigkeit. Wie peinlich ist das denn? Große Klappe, nix dahinter.

Wie wenig von einstiger Leistungsfähigkeit übrig war. Sesselpupser war ich nie. Immer in Bewegung, immer auf Achse. Nee, nich was ihr jetzt denkt – Midlifecrises-Überschwer. Mein Gewicht lag bei 49 Kilogramm. Denn eitel isse auch noch.

Die Trainingsstrecken waren mir anfangs egal. Hauptsache laufen. Da das Büro der Laufszene in meinem Viertel liegt, hat Günni mich manchmal angesprochen, wenn wir uns zufällig trafen. Obs mir nicht langweilig wäre, hier zu Laufen. „Nö, ich will ja nicht Sightseeing machen. Ich will nur Laufen.“ Das hat sich inzwischen auch geändert. Aber der Reihe nach.

Wirklich richtig Klasse war das Gefühl, 10 Kilometer unter einer Stunde gelaufen zu sein. Dafür bin ich vor der Arbeit oder danach und irgendwie immer auf der Piste gewesen. Die ersten Laufklamotten gabs von denen, die eigentlich mal mit Kaffee begonnen haben. Die ersten Schuhe hat mir der Laufladen angepasst. Regulär trag ich 36. Eine 39 wurde mir freundlich präsentiert. Aha. So geht das also. Laufbandanalyse, gute Ratschläge, Socken und tschüss. „Übertreibs nicht“, ruft sie mir nach.

Von wegen. Gleich ab in den Großen Garten. Das erste mal richtig teure Schuhe. Jetzt aber Hackengas. Ich dacht, ich fliege … und kriege Blasen. Ab mit dieser Erfahrung in die Sparbüchse „Lehrgeld“.

Dann kommt der erste Halbmarathon in Dresden. Wenns nix wird, halten sich die Spesen wenigstens in Grenzen. 2 Stunden 11 Minuten. Im Ziel große Klappe, Fluppe, Glas Bleifrei.

Unter der Rubrik, „Dann kannstes ja auch richtig machen“ begann ab da das Marathontraining. Aus erwähnten Gründen war auch das ein Heimspiel beim Oberelbe-Marathon. Bei Kilometer 28 hatte sich die Familie versammelt. So richtig wollten sie es immer noch nicht glauben. Ich blieb mit 4:29 unter den gewünschten 4:30. Der Mann mit dem Ballon hat mich ins Ziel gerettet. Die Kinder schenken mir dort ein extra bedrucktes Shirt. Das ziehe ich heute noch gerne nach den Läufen an. I finished … vorne und hinten die Kilometerzahl. Es gab Blümchen, Küsschen, Tränen, Kaffee und Kuchen und ne Sportmassage vom Filius. Das war 2011.

Den Rat einer Marathonläuferin, ein paar Wochen vor dem Start keinen Alkohol zu trinken, hab ich ausgebaut. Den hab ich komplett vom Ernährungsplan gestrichen.

Bei den Zigaretten hats zwei Jahre länger gedauert. Der einzig wahre Grund für mich, Nichtraucher zu werden, war der Wunsch, in New York zu finishen. Lange Reisezeiten, lange Wartezeiten und Null Tolerenz im Läuferdorf sind handfeste Gründe, die Glimmstengel wegzulassen.

Und wie sich das gelohnt hat. Meinen 50. Geburtstag werd ich nie vergessen. Wenn Frank Sinatra´s New York New York am Start eingespielt wird, gibts ein innerliches Feuerwerk ohne Vergleiche. Du passierst die Verrazano Bridge und denkst, Du bist im Film. Der besteht aus Millionenfachem Highfive, Livemusik, Flaggen, lachenden Gesichtern, Straßen, Trinken, Gels, Park und Ziellinie mit Dir in der Hauptrolle. It´s not real but real.

Berlin war super, Frankfurt mit Bestzeit, Spreewaldmarathon ganz leise, Himmelswege mit der spektakulärsten Medaille, es gibt auf dem Marathonpfad viele Superlative. Und jetzt Boston. Sechs Jahre nach meinem ersten Marathon folgt der älteste. Die Muddi bei der Mutter aller Marathons.

Auf gehts Muddis und Mädels, wir sehn uns.

 

 

21. Etappe: Sehr geehrter Herr Dr. Schweinehund

schweinehundIch gratuliere Ihnen herzlich zur Promotion. Das ist eine reife Leistung. Wie Sie das nur immer wieder pünktlich schaffen, genau zwischen zweidrittel und dreiviertel der geplanten Strecke oder des Trainings aus Ihrer Zauberkiste zu krabbeln. Respekt, mein Lieber.

Es gelingt Ihnen zuverlässig, einen großen Teil der Energie abzuzweigen und sie für das blitzschnelle Entwerfen der Pläne B, C, D bis Z zu nutzen.

Und die Präsenz. Sie sind nicht einfach nur leise und flüstern zaghaft Ihre Vorschläge über Stock und Stein. Nein. Sie dominieren mit einigen Dezibel mein Hirn, dass ich es immer hören muss. Wer hat Sie dazu eingeladen?

Ich wäre viel leichter und vielleicht sogar schneller fertig, wenn ich nicht damit zu tun hätte, auch noch Debaten zu führen. Wie wäre es mit in der Kiste weiterschlafen, Herr. Dr. Schweinehund?

Heute zum Beispiel. Sechs Runden Beutler-Park waren angesagt. Nach der dritten Runde winkt der Ringelschwanz und in der vierten wird jeder Schritt schwer, als wäre Blei im Schuh. „Du musst doch nicht bis ganz runter laufen. Bieg doch gleich hier ab. Die Runde gilt auch, wenn Du diese Steigung nicht nimmst.“ Herrschaftszeiten. Was da für eine Energie benötigt wird, innerhalb von nicht zu denkender Zeit gedacht zu werden. Neue Routen, neue Ziele, schneller in der Sauna, Beine lang und dösen.

Als ich in der sechsten Runde am letzten Anstieg war, konnte ich sogar noch mal Tempo machen.

Es war mir eine Ehre, Herr Dr. Schweinehund.

Hochachtungsvoll
ich

PS: Original-Schweinehunde gibts bei Dr. Stefan Frädrich

 

 

20. Etappe: Die Zeit zwischen den Zielen

So. Nicht schlecht für die ersten sechs Monate. Knapp 100 Besuche im Fitnessstudio, zwei Marathons und einen 30er als Wettkampf. Die App zeigt mir insgesamt 1.341 zurückgelegte Kilometer an. Per pedes, Skater, Rudergerät und als Schwimmer. Und nun?

Pause, ja, nur nicht zu lang. Training auch ja, Doppel-ja. Doch wofür? Worauf? Wie genau? Manche Sportler berichten von einem Motivationsloch nach lange angestrebten Wettkämpfen.

Das teile ich nicht. Ich gehe gern trainieren. Allerdings macht es noch viel mehr Spaß, wenn es ein Ziel gibt.

Einen Vorteil hat die Zeit zwischen den Zielen: ich nehme die Kleinigkeiten am Wegesrand wieder wahr. Ich hab Zeit für Extras, extra Fotos, extra Liegestütze, extra Weggabelungserkundungsläufe und extra Geschichten.

Diese kleinen Fensterlädenhalter wären mir normalerweise nicht aufgefallen. Wer macht sich im 21.Jahrhundert noch so viel analoge Mühe?

blau grün

 

 

 

 

Oder das Grasbecken. Vorsicht beim Kopfsprung. Das Eintauchen in die Natur klappt besser. Ob mit dem Blick in des Himmelsblau oder durch die Wildnis der Grashalme, die Expedition bleibt spannend.

 

wieseSag mal, spinnst Du jetzt?

Ja, bald. Sehr bald. In der Zeit zwischen den Zielen wird gewaschen, getrocknet, gekämmt und gesponnen. wolleUnd beim Spinnen wird mir schon ein neues Ziel einfallen.