18. Etappe: Regen, Donnergrollen, Sonnenschein und Freudentränen

Ein Marathonresümee
Die Himmelswege haben es in sich. Dürfen sie auch. Sind ja schließlich keine Trampelpfade ins Nevernever.

Himmelswege sind schnell, steil, mystisch, droidisch.
Marathontourismus hat auch immer eine Heimatkundekomponente. Einmal am Park von Turnvater Jahn vorbei, dem Rotkäppchen am Wegesrand winken, Mohnblumenfelder bestaunen und vor den Künsten der Vorfahren auf die Knie gehen. Freiwillig und aus tiefster Überzeugung.
Das Sonnenobservatorium in Gosek ist solch ein Ort. Menschenleer. Ringförmig in den Boden gehauene Holzpfähle im Doppelkreis, in der Mitte eine Metallplatte mit Pfeilen. Sie zeigen auf die Aussparungen der Palisaden. Sonnenaufgang, SonnenuntePalisadenrgang, jeweils zur Sommer- und Wintersonnenwensonnenaufgangde. Vor 7.000 Jahren haben die Menschen besser beobachten können als wir heute.

Und sie hatten viel mehr Geduld. Hinschauen, begreifen, interpretieren, dokumentieren. Fertig. Ein droidischer Ort. Und ein guter Anfang zur Einstimmung auf den Lauf am nächsten Tag.
Die Startunterlagen gibt’s an diesem Freitag ab 16.00 Uhr in der Arche Nebra. Es bleibt noch Zeit für einen Museums-Kaffee und den Film im Planetarium. Gespielt wird immer, auch bei nur vier Zuschauern. Da ist sie, die Himmelsscheibe. Zum Greifen nah und zum Begreifen die Geschichte der Plejaden dazu. Es sind sieben Sterne, wie praktisch. Aller sechs Kilometer wird mir also ein frischer Stern zur Seite stehen können. Ich werde nicht allein sein. Sehr gut.
Doch am Start auf dem Marktplatz von Naumburg hätte ich das fast vergessen. Die Starter sammeln sich so langsam. Ein Wahnsinnsshirt-mit-Mann-drin-nach-dem-anderen. Zermatt und so. Rathaus
Ich halte mit dem Silvesterlaufshirt von Werl nach Soest dagegen. Es ist das einzig weiße Laufshirt in meiner Sammlung. Der Wetterbericht hat Hitze versprochen. Da schien es mir angemessen. Die Veranstalter hatte auch ein kostenloses Downgrade ob der Witterungsbedingungen angeboten.

Ich bin doch kein Mädchen.vor dem Start
Scheinbar aber doch. Die Muskelmänner haben mir Respekt eingeflößt. Der Magen spielt verrückt. Bloß nicht Letzte werden. Das wär so elend in einem überschaubaren Starterfeld von gerademal knapp 100 Läufern.
StartDie Drohne über dem Zielbogen schaut in mein ängstliches Gesicht. Es geht los.

Nach drei Kilometern waren auch die komischen Gedanken weg. Zwischen Kilometer 5 und 11 lief ich mit einem Herren, der schon 77 Marathons auf der Uhr hatte. Er wollte unter vier Stunden bleiben. Wir wechselten uns in der Führungsarbeit ab. Jeder durfte mal den Gegenwind schnuppern.

Etwa bei Kilometer 12 rollte ein Läufer im Ganzkörperkondom heCatsuiteran.

Er war der einzig Kostümierte. Weißer Hut, schwarz-weißes Dress. Unaufgeregt zügig ging´s an uns vorbei. Der 77er wollte mit und nicht mit der Mutti laufen. Tschüss dann. Wir sahen uns noch öfter.

Bei Kilometer 15 bis 17 lief ich mit drei jungen Leuten. Auch sie zogen irgendwann ab. Es regnete und donnerte unterwegs. Hoffentlich wird wegen des Gewitters nicht abgebrochen. Es wurde nicht.
Etwas später kam auch die Sonne vor und gab alles. Bis Kilometer 30 hatte ich mit 02:48 die für mich beste Zeit erreicht. Die Blasen waren inzwischen aufgegangen und taten nicht mehr so weh. Das war das Risiko. Nagelneue Einlagen tragen, um das Knie zu retten und Blasen riskieren oder keine Blasen und eventuell ein kaputtes Knie. Da das länger brauchen würde, um zu heilen, fiel die Entscheidung pro Blase aus. Fünf Plejaden hatte ich mit einer schwungvollen Armbewegung schon wieder gen Himmel geschickt. Die letzten beiden hatten die schwerste Arbeit.
Nachdem die Landschaft uns Läufer wahrhaft verwöhnt hatte, gab´s auf den letzten 12 Kilometern den Weinbergbonus. Schotterwege, Treppchen, ordentlich Profil. Hier traf ich auch die drei Studenten wieder, gehend.
Die gemessenen rund 300 Höhenmeter verteilten sich aufs letzte Viertel und speziell auf den Zielberg zur Arche. Gefühlte 8 Prozent bis zum Olymp.
An dessen Fuße der Zermatte, ermattet, gehend. Es ist nicht alles wie es scheint.
Jetzt strahle ich mit der Himmelsscheibe um die Wette. Dafür, dass man laut Veranstalter Waldemar Cierpinski hier keine Bestzeiten laufen kann, fühle ich mich mit nur acht Minuten drüber richtig gut.
Nach sechs Stunden schließt der Marathon. Reichlich fünfeinhalb sind schon verstrichen. Noch immer keine Spur von den sympathischen Berlinern, die kurzentschlossen am Morgen nachgemeldet hatten. Sie erklimmen den Berg, als wir schon auf dem Rückweg zum Shuttle sind. Cool. Doch noch geschafft.

Ich heule, weil es so schön ist, weil das Adrenalin dafür sorgt und weil mal alles gut wird.urkunde
Gute Ideen für den Lauf hab ich auch noch. Doch dazu später.

Der Himmel ist eine Scheibe.

Veröffentlicht von

Rosa Hauch

geboren 1963 in Ueckermünde und in manchen Dingen auch fischköppig geblieben, zwei Kinder, in Lebensgemeinschaft lebend, Journalistin, Dozentin Erwachsenenbildung, Diplomökonomin

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