1. Etappe: Wie ungesund ist das Laufen in der Stadt?

Der Ansturm im Fitness Center hat sich gelegt. Die alljährlichen guten Vorsätze verblassen. Doch schon kommt, auch wie jedes Jahr, der Boom, mit Achim Achilles um die Wette zu Joggen. Die Kolumnen haben einfach noch mehr pepp, wenn man mitreden und dann auch viel besser mitlachen kann. So weit so wiederholend. Also raus.

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Die Luft ist herrlich. Die Sonne gibt ihr Bestes. Es ist knackekalt, nur ganz knapp unter Null. Der Himmel blank geputzt und schon lange vor mir munter. Straßen und Wege sind trocken, nur der Raureif auf den Pflastersteinen mahnt zur Vorsicht. Achtsam bleiben, ist immer richtig. Und da es auch für Jogger keine eigenen Verkehrsregeln gibt, bremst die rote Ampel für Momente meinen Lauf. Bei fünf davorliegenden Lichtsignalen hatte ich grünes Glück für kleine Zwischensprints. Es ist also ein guter Tag. Der Mensch wird nicht an jeder Ecke mit Warnungen vor irgendetwas aufgehalten. „Das bringt Ihnen gar nichts“, holt mich eine tiefe Stimme aus dem Hochgefühl. „Wieso, ich will doch in die Hügel“, antworte ich völlig irritiert. Doch den Typen interessiert mein Trainingsplan nicht. „Das Joggen hier ist gänzlich ungesund.“ Mit einem kopfschüttelnden „Rumsitzen aber auch“ verabschiede ich mich auf meine Strecke und habe weitere sieben Kilometer Zeit, darüber nachzudenken, ob er recht hat und warum vielleicht. Vor 14 Jahren schrieb die menshealth

„Auch wenn die Schadstoffwerte auf der Laufrunde höher liegen: Ausdauertraining im niedrigen Intensitätsbereich hat immer einen positiven Effekt“, sagt Dr. Bernd Gimbel, fachlicher Leiter am Institut für Trainingsberatung in Reinheim. Tipp: An Straßen mit Bäumen beziehungsweise mit Grünstreifen ist der Kohlenmonoxid-Gehalt in der Luft laut verschiedenen Studien geringer.“

Sollte sich in den vergangenen Jahren so viel verändert haben? Ich laufe im Dresdner Süden, nicht in Paris oder Bangkok?

Vor vier Jahren warnte auch die Süddeutsche in einem Artikel über eine Studie zum Thema Joggen in der Stadt: „An der Studie beteiligten sich 20 Männer, die bereits einen Herzinfarkt erlitten hatten. Sie trainierten zweimal 15 Minuten lang auf einem Fahrradergometer. Dabei atmeten sie entweder gefilterte Luft ein oder Dieselabgase in einer Konzentration, die auch im Straßenverkehr vorkommt.

Da die Studie jedoch an Männern durchgeführt wurde, deren Herzen bereits geschwächt waren, lassen sich die Resultate nicht direkt auf die gesunde Bevölkerung übertragen. Dennoch empfiehlt ein Experte aus Boston in einem Kommentar, nicht neben viel befahrenen Straßen Sport zu treiben.“

Über den inflationären Gebrauch der Qualifikation „Experte“ will ich mich hier gar nicht näher auslassen. Doch in Boston wird die Situation wahrscheinlich doch etwas anders liegen als in Döltzschen.

Und dann finde ich einen Artikel, den besagter Typ wohl heute mindestens fünf Stunden vor mir gelesen haben muss. Weil wir doch grad bei Experten waren. Auf Experto wird heute Thomas Pfister zum Thema Joggen in der Stadt zitiert: „Den meisten ist gar nicht bewusst, dass sie sich dadurch einer sehr hohen Gesundheitsgefahr aussetzen.“

Und weiter heißt es: “Das Jogging in der Stadt kann sehr schädlich sein und zu ernsten Erkrankungen führen. Da wäre es besser, wenn Sie erst gar nicht laufen würden.“ Das hatte ich heute doch schon mal gehört.

Folgt man den Aussagen des Artikels, liegt gewaltig viel Ärger in der Luft.

„Im Ruhezustand atmen wir etwa 10% der Luft in der Lunge ein und aus. Bei starker Anstrengung wie beim Jogging steigt diese Menge auf bis zu 60%. In den Lungenbläschen verbleiben immer 20% der Luft, gleichgültig wie stark wir ausatmen.

In den Lungenbläschen gelangt der eingeatmete Sauerstoff in winzige Blutgefäße (Kapillaren) und wird in alle Körperteile transportiert. Ein Lungenbläschen misst etwa 0,2 Millimeter. Seine Wand ist eine Schicht aus einzelnen Zellen. Diese Schicht ist sehr dünn, so dass die Gase leicht zwischen dem Lungenbläschen und den Kapillaren ausgetauscht werden können. Ist der Körper – wie zum Beispiel beim Jogging – unter Anstrengung, wird mehr Luftvolumen in die Lungen eingeatmet. Die Lungenbläschen erweitern sich. Somit werden auch die Autoabgase und der Feinstaub vom Körper aufgenommen. Das Risiko einer ernsten Erkrankung steigt, je öfter man sich in schlechter Luft bewegt.“

Dann folgen allerdings zehn Binsenwahrheiten und schon habe ich gar keine Lust mehr auf die Forschungsergebnisse des Herrn Pfister. In seinem ersten Punkt, der auf die Dämpfung der Schuhe abhebt, ist alles und gar nichts gesagt. Schade. Flachland. Punkt 5 der Aufzählung mahnt: Achten Sie auf den Verkehr und auf die Verkehrsteilnehmer. Ja und, ergänze ich, lassen Sie den Läufern unterwegs ihren Spaß. Ich fauche ja auch nicht jeden Käsebrötchen-Esser an, er solle es lieber gegen eine Mango eintauschen.

Veröffentlicht von

Rosa Hauch

geboren 1963 in Ueckermünde und in manchen Dingen auch fischköppig geblieben, zwei Kinder, in Lebensgemeinschaft lebend, Journalistin, Dozentin Erwachsenenbildung, Diplomökonomin

2 thoughts on “1. Etappe: Wie ungesund ist das Laufen in der Stadt?”

  1. …“Ich fauche ja auch nicht jeden Käsebrötchen-Esser an, er solle es lieber gegen eine Mango eintauschen.“

    Liebe Rosa, toll geschrieben und ich habe mich als Käsebrötchen-Esser zum Mittag ertappt. Als hätte ich gewusst, was du schreibst, bin ich heute kurz vor Feierabend noch in den Supermarkt, um mir eine große Portion Obst zu kaufen. Ich bin gespannt, was als nächstes kommt. Vielleicht treffen wir uns plötzlich auf der Bürgerwiese zum Laufen 😉

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