#Luai – Der Junge auf dem Foto aus dem Bus nach Clausnitz

Wir sind in der Erstaufnahmeeinrichtung Bergstraße in Dresden. Der Transferbus sollte eigentlich schon um 7.00 Uhr abfahren. Doch er hatte sich verspätet. Der Transferbus nimmt Flüchtlinge mit nach Chemnitz und von dort werden sie neu einquartiert. Luai, Ramzi und ihr Vater Majdi sind auch dabei. Sie sind aus dem Libanon kommend, in zwölf Tagen durch neun Läländernder gereist. Die Mama und zwei jüngere Geschwister sind noch dort. Das habe ich im Deutschkurs von den Brüdern erfahren. Für jeweils eine Woche unterrichte ich im Auftrag der Volkshochschule Flüchtlinge in den Wegweiserkursen. Ramzi ist 14 Jahre alt, Luai 15. Ramzi ist der ruhigere von beiden, sehr exakt und vorsichtig. Die Ampel, die das Beitragsbild zeigt, hat er im Unterricht gezeichnet. Als ich ein Foto machen wollte, hat er das bis dahin Gemalte weggewischt und alles noch einmal extra ordentlich gezeichnet. Jetzt durfte ich fotografieren. Luai ist so intelligent wie unruhig. Er spricht von den dreien am besten Deutsch, kann auch Französisch, Kopfrechnen, Malfolgen, alles kein Thema. Damit haben wir uns die Wegezeit vertrieben bis zum Kursraum. Wenn der Junge nicht irgendwie beschäftig ist, hängt er am Handy. Darin unterscheidet er sich überhaupt nicht von hiesigen Jungs. Wenn der Bart schon wächst, die Mama jedoch noch  vermisst wird, sind alle anstrengend. Das ist international.

Der Transferbus fährt reichlich zwei Stunden später nach Chemnitz. Luai will nicht mit. Er will auch nicht abklatschen und findet das alles doof. Er will hier bleiben. Er wollte auch nicht gerne zum Kurs. „Dieses -beeil dich, los, los-vom Sozialdienst“ kann er überhaupt nicht leiden. Doch wenn er da war, wars auch gut.

Die Sächsische Zeitung titelt heute auf der ersten Seite „Szene mit Nachspiel“. Der Junge, der in Clausnitz gewaltsam aus dem Bus gezogen wurde, ist Luai. Der 15- Jährige will Anzeige gegen die Polizei erstatten.

Zuerst fehlen mir die Worte. Dann kommt der Reflex, den die Praxishilfen für Flüchtlingslehrer so treffend beschreiben, ich fühle mich verantwortlich und kann nichts tun. Zumindest fällt mir nichts Sinnvolles ein. Ich schäme mich sehr sehr für das, was da passiert ist. Ich hatte dem Vater noch alles Gute gewünscht und nicht ein solches Chaos gemeint.

Und rings herum werden die Stimmen lauter, die den Jungen beschimpfen. Da fragt keiner, wie es ihm geht, ob er seine Mama vermisst, wie sich das anfühlt, so komplett aus dem Gleichgewicht gerissen zu werden und und und. Und am Ende stellt sich heraus, die Polizisten waren schlecht vorbereitet, es fehlt an diesem und jenem und irgendjemand nimmt seinen Hut. Doch was ist damit geklärt? Wir haben einen Schuldigen und alles bleibt wie bisher.

Nee. Leute, uns fehlen Nachdenken, der richtige Ton, Überlegen vorm Tun. So lange immer die Schuld bei anderen gesucht wird, geht’s niemals vorwärts. Das ist in jedem Unternehmen so, das ist in der Politik so, immer ist einer schuld und viel zu selten hebt einer den Finger und macht einen konstruktiven Vorschlag.

Wie sinnvoll ist eine Demo, wenn ein Flüchtlingsbus kommt? Wer will wem etwas sagen? Was soll damit erreicht werden? Wie würden wir uns in dem Bus fühlen, wenn es draußen eskaliert? Die feindselige Stimmung kommt an, die Worte werden nicht verstanden und wer kann, setzt sich diesem Schauspiel nicht aus. Und jetzt?

 

#Wahrheit#Wahrhaftigkeit

Vor wenigen Minuten hat Daniel Ellsberg in der Semperoper den Internationalen Friedenspreis erhalten. Live zugeschaltet – Edward Snowden. Whistleblower, der Urvater und sein Meisterschüler. Interessant ist, dass es im Deutschen kein adäquates Wort gibt für das, was beide getan haben. Ellsberg bekam auf seine diesbezügliche Frage die Antwort: „Verräter oder Petze“. Das klingt aus seinem Mund und von der Semperbühne besonders. Auch dafür gibt’s im Deutschen kein Wort. Ellsberg hat durch die Weitergabe der Pentagon-Papiere u.a. dazu beigetragen, dass die Welt die Wahrheit über den Vietnamkrieg erfährt. 1969, am 1. Oktober, schmuggelte er zum ersten Mal in einer Aktentasche Unterlagen an den Wachleuten vorbei. 7.000 Seiten hatte er einem Journalisten der New York Times übergeben. 1971 begann die Zeitung mit der Veröffentlichung. Heute sagt Ellsberg, dass er viel früher hätte damit beginnen sollen, Materialien zu schmuggeln. Seiner Meinung nach hätte er mehr Menschen das Leben retten können. Der Vietnamkrieg wäre womöglich eher beendet worden. Doch das sind Spekulationen. „Was alle Whistleblower eint“, sagt Ellsberg, sind drei Fakten: 1. Keiner hat damit gerechnet, diese Wirkung zu erzielen, 2. alle haben einen hohen Preis bezahlt und alle haben es nicht bereut und 3. alle Whistleblower bedauern, dass sie nicht früher, nicht deutlicher, nicht lauter gesprochen haben.“ So ist es nur schlüssig, dass Ellsberg eine Mission für uns hat: Wartet nicht, bis Bomben fallen, sagt die Wahrheit.“

Bui Truong Binh hat Daniel Ellsberg den Preis überreicht. Bui Truong Binh hat mit 19 Jahren Vietnam verlassen. Damals war Krieg in seiner Heimat und die Familie wollte, dass wenigstens einer von ihnen den Krieg überleben sollte. Binh hat die Amerikaner gehasst, sagt er. „Heute ist es ihm eine große Ehre als Vietnamese einem guten Amerikaner diesen Preis zu überreichen.“ 20160221_125311

Auch Ellsberg glaubt an die Veränderung. „Menschen können sich ändern. Mit ihrer Veränderung prägen sie auch ihr Land neu. Das ist möglich. Das sind ehrliche Prozesse“, sagt der heute 84jährige. Wir müssen uns nur immer wieder bewusst machen, wer ein Tyrann ist, nennt sich nicht so und niemand will Untertan sein. Es bedarf schon des Hinsehens und Denkens, Vor- und Nachdenkens. Naivität ist gefährlich. Also lasst uns ganz direkt die Wahrheit sagen. Warum ausgerechnet im Programm zu dieser Veranstaltung die Icons für Kamera- und Handyverbot abgedruckt waren, kann ich nicht erklären. Klar, Handy lautlos, dass ist Ehrensache. Aber Fotoverbot? Alle Anwesenden sollten unter dem #Wahrheit mal wieder etwas Gutes aus Dresden posten und twittern und der Welt zeigen, was geht. Und es ist möglich. Vom 3. Rang aus konnte ich deutlich sehen, dass das Fotoverbot erfreulich oft gebrochen wurde. Recht so. Und bitte, weitersagen. Mission Wahrheit läuft.

Schneeflöckchen – das Alternativprogramm zu guten Vorsätzen

Hallo 2016. Ich bin da. Es kann losgehen. Trotz Weihnachtsvorbereitungen sind im Dezember 109 km auf die Uhr gekommen und im Januar hat die App wenigstens 80 Kilometer gezählt. Alles gut. Kein Feiertagsspeck, keine Zipperlein. Das Projekt 2016 kann starten.

Im vergangenen Jahr war der Schneeglöckchenlauf in Ortrand mein erster Wettkampf. 2016 beginnt mit dem Wintermarathon in Leipzig.

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Irmgard, Conny, Rosa – Team Rico als Abkürzung unserer Vornamen

Am dritten Samstag des Januars laufen drei Menschen zusammen einen Marathon.

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Startschuss

Zusammen heißt zusammen und ist ernst gemeint. Nach jeder 5km-Runde überqueren die Drei gemeinsam die Zeitmessung. Der Letzte zählt.

Um ein Team zu finden, gibt es die Online-Börse. Jeder Interessent schreibt sich und seine Zielzeit ein. Alles andere fügt sich. So kam es, dass ich mit Irmgard und Conny an den Start gehe. Wir finden uns sofort und auch sympathisch und schon geht’s los. Wir hatten uns auf eine Zeit von 4:30 h geeinigt. Conny war im Flow. Wenn sie schneller lief, hat sie auf Irmgard und mich gewartet. Das war okay für sie.

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Noch 7 km

Nach jeder Runde gabs Tee, Wasser oder was jeder so brauchte und schon warteten die nächsten 5. Die Strecke ist sehr abwechslungsreich. Asphalt, Sandboden, Schlick und Blättermatsch und wieder Asphalt. Immer nach 2,5 km gabs Musik auf die Ohren. Bei minus 1,5 Grad standen die Musiker eisern an der Läufer Seite. Klasse Motivationsschub bevor es über die Brücke Richtung Deich ging. Danach gibs in den Waldmatsch, auf die Straße und schon waren wir wieder an Start und Ziel. Die ersten vier Runden waren schnell gelaufen. Die zweiten sind anstrengender, die letzte kleine Runde sehr anstrengend. Doch Team ist Team. Da machste keine Gehpause. Auf der letzten Runde bedankt sich Irmgard bei den Musikern und allen Streckenposten. Ihre Stimme ist überhaupt nicht geschafft. Im Gegenteil. Auf den letzten zwei Kilometern fängt sie das Erzählen an. Etwa fünf Minuten vor Schluss ihr Geständnis. „Ich laufe sonst auch Ultras. Hab das nur nicht vorher gesagt …“ Das kleine Konditionsmonster ist 64 Jahre alt und läuft und läuft und läuft seit 35 Jahren. Respekt. Ich bin glücklich und geschafft im Ziel und hab mit Irmgard ein neues Vorbild.

Das Schneeflöckchen am hellblauen Band ist die Medaille. Unsere Teamzeit beträgt 4 Stunden 23 Minuten 59 Sekunden.

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83 Team hatten insgesamt gemeldet, so der Veranstalter auf Wintermarathon.de. Irmgard, Conny und ich haben Platz 62 belegt. Sie haben mich in ihre Mitte genommen. Tolles Gefühl. Fair, anspornend, sportlich vom Startschuss bis zur Ziellinie. Ich bin froh, die beiden nicht enttäuscht zu haben und 42 km Schulter an Schulter zu laufen, fetzt.

Von dem Kompliment „ohne euch wäre ich sicher langsamer gelaufen“, wollte Irmgard nichts hören. „Schließlich haben wir Dich nicht getragen. Laufen musste schon selbst.“

Wenn ich jetzt bis April in jeder Woche einen langen Lauf, also mehr als 25 km absolviere, sollte es in Boston ein super Marathon werden.

Auf geht´s.

31. Etappe: Das erste mal…ein Rezept exakt nachgekocht…naja fast

Es gibt ein neues, ganz anderes Frauenmagazin mit pechschwarzen Buchstaben drauf. Darin sind auch Rezepte enthalten. Sympathisch an diesen Rezepten ist, dass sie auch in den Mengenangaben darauf achten, dass der Mensch satt wird. Wenn schon kochen, dann richtig. Hauptthema des Heftes ist das erste Mal. Wovon auch immer. Also mach ich mir auch mal den Spaß und koche ein Rezept genau nach Anleitung. Das tue ich sonst nur beim Backen. Beim Kochen ist  das eine Herausforderung an die Disziplin und gegen Gewohnheiten. Das ist schon mal gut.

Auf geht’s. Einkaufen war easy. Nach nur zwei Geschäften war alles im Körbchen. Mein Experiment heißt Rinderrouladen mit fruchtiger Backpflaumen-Füllung. Und weil ich kein Schißhase bin, gleich für zwölf Personen. Wenn’s klappt, ist der Geburtstagsabendschmaus schon fertig, wenn nicht … ist im Protokoll nicht vorgesehen.

Die angegebenen drei Stunden Zubereitungszeit stimmen gewiss für acht Rouladen. Eine Stunde Vorbereiten, Schnippeln, Füllen, Rollen, Anbraten, in den Ofen schieben, zwei Stunden um selbigen herum scharwenzeln, ob´s auch klappt und Abrakadabra murmeln. Da ich einen dickeren Braten in der Röhre hatte, waren drei Stunden Garzeit angemessen. Wer keinen Deckel zum Bräter hat, kann auch doppelt Alufolie nehmen. Das geht auch.

Arbeitschritt1: Backpflaumen sehr fein würfeln, Pistazien grob hacken. Zwiebeln pellen und würfeln. Öl erhitzen, Zwiebeln darin glasig dünsten. Pflaumen und die Hälfte der Pistazien zugeben, kurz dünsten. Pfeffer und Salz hab ich hier weggelassen und das Öl durch Butterschmalz ersetzt.

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Arbeitsschritt2: Rouladen jeweils mit Salz und Pfeffer würzen, mit einem Teelöffel Senf bestreichen, eine Scheibe Speck drauf und einen Esslöffel der eben hergestellte Mischung aus Pistazien, Zwiebeln und Pflaumen auf dem unteren Drittel verteilen. Die Längsseiten der Roulade über die Füllung klappen und alles schön straff aufrollen. Ich habe Silikonstricke, Metallklammern und Fäden ausprobiert. Funktioniert alles sicher. Den Senf habe ich durch Pflaumen-Chutney ersetzt und auch hier das Salz weggelassen. Dafür gabs eine zweite Scheibe Speck. Das Rezept für das Chutney gibt’s beim Chefkoch.

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Arbeitsschritt3: Öl im Bräter erhitzen, die Rouladen fünf Minuten darin kräftig von allen Seiten anbraten und herausnehmen. Schmorgemüse anbraten, Tomatenmark dazu und mit Rotwein ablöschen. Den Wein komplett einkochen lassen. Danach die Rouladen dazugeben, etwa 500 ml Wasser aufgießen, drei Lorbeerblätter dazu und etwas Thymian, falls vorhanden.

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Arbeitsschritt4: Jetzt kommt alles in den Ofen, auf die unterste Schiene, bei 160 Grad, Ober- und Unterhitze.

Arbeitsschritt5: Die Rouladen aus dem Bräter nehmen, in ein passendes Gefäß legen, mit Alufolie bedecken und bei 80 Grad schön warm legen.

Arbeitsschritt6: Die Soße durch ein Sieb streichen und mit Sahne oder Speisestärke leicht binden.

Arbeitsschritt7: Staudenselleriegrün und restliche Pistazien kleinhacken und fürs Dekorieren und abschließende Topping bereithalten.

Arbeitsschritt8: Alles schön auf dem Teller anrichten, dazu Kartoffelknödel und Schmecken lassen.

Arbeitsschritte9-12: Lob einsammeln von allen, denen es hervorragend gemundet hat. Sich feiern lassen und den Tag genießen.

PS: Essen zu fotografieren, ist schwere Kunst. Oft schmeckt es besser als die Bilder es transportieren können. Auch das eine Premiere für mich, ein erstes Mal Schritt-für-Schritt Dokumentation.

Den Test hat das Rezept auf jeden Fall bestanden. Alles ist gut vorbereitet. Die Gäste können kommen.

30. Etappe: Ein Ostfriesenwitz im Tagebuch der Silbernen Reiter

Die Lesebühne wird berühmt, bestimmt bis Aurich.

Liebes Tagebuch, die Silbernen Reiten sind aus der Sommerpause zurück. Weil das Wetter so schön war, haben sie selbige vier Wochen länger gefeiert. Aber jetzt sind sie umso präsenter und gleich mit Gästin auf der Bühne erschienen.

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Kuddeldaddeldu besucht seinen Onkel Heini, singt Thomas Lautenknecht zur Gitarre und mitten im Publikum. Das Publikum ist heute besonders. Das Publikum im sächsischen Projekttheater versteht Platt und ist platt. Damit hatten sie nicht gerechnet. Beide nicht. Die darbietende Künstlergruppe nicht und die Abiturklasse auch dem IGS Aurich-West nicht.

Ellen Röttger, Deutsch- und Kunstlehrerin an der Integrierten Gesamtschule, hat mit ihren Kollegen für die jungen Leute ein anspruchsvolles Programm zur Klassenfahrt zusammengestellt. Ausstellungen, Wanderungen, Barock und Moderne in Dresden und Berlin.

„Man sagt, es soll lustig sein“, unterhielten sich die Mädchen vor der Veranstaltung. „Aber ob wir in unserem Alter die Witze auch verstehen?“ Wer so reflektiert unterwegs ist, hat nichts zu befürchten.

Der Saal wird dunkel, die Bühne beleuchtet und schon reiten sie ein, die Silbernen Reiter.

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Udo Tiffert, Konstantin Turra, Thomas Lautenknecht und Moritz7 gehören zu den etablierten Poeten der Szene. Doch sie treten nicht etabliert auf. Obwohl sie regelmäßig ein Stammpublikum begrüßen, spürt man das Aufregende, das Gespannte, das immer wieder Neue eines Auftritts nicht nur in der ersten Reihe.

Der Name der Gruppe ist die ewig junge Anspielung auf den Goldenen, der unweit des Theaters reitet. Und gerade nachts strahlen sie um die Wette, brillieren die silbernen mit Wortspielen, Wortwitzen, aktuellen wie Alltagsthemen. 20151013_191355

Sophia Güttler ist die Gästin des Ensembles. „Lasst mich in meinem Umfeld, bevor man umfällt“, so eine Zeile aus Sophias Text über eine Blume am Wegesrand. Sie spürt, wie die Schuhe immer näher kommen und … . In einem anderen Text fährt Sophia Straßenbahn, beobachtet die Leute, bewertet sie, sich und ihr Leben. Konstantin fiebert enormen Veränderungen in seinem Leben entgegen. Er wird demnächst Vater. Vielleicht ist er es ja auch schon. Kein Wunder also, dass er über Geburtsvorbereitungskurse, volle Windeln, Sex in den Trimestern der Schwangerschaft, Hebammen und Wegatemgeräusche fabuliert.

Die Ostfriesinnen und Ostfriesen sind fasziniert. Ja, sie verstehen die Witze und nein, so etwas gibt es in Aurich nicht. „Wer sitzt, sahnt ab. Wer flitzt, kriegt einen Tritt in den Allerwertesten.“ Sollte das ein sächsisches Phänomen sein? „Die Einheit von Geben und Nehmen, von Magnet und Kühlschrank“ ist doch national, wenn nicht international? „Achte darauf, was Du sagst. Wieso, auf mich hört doch sowieso keiner. Und überhaupt, Aufstehen lohnt sich nur, wenn man dagegen ist.“

120 Minuten großes Kino auf der Kleinkunstbühne vergehen schnell und wehen lange nach.

Sprache gilt als Hilfswerkzeug für Kommunikation, sagt der Dichter. Es wird zwar kolportiert, dass die Nordlichter weniger schwätzen als die Sachsen, doch das ist kein Nord-Süd-Konflikt, wie die Notizen im Gästebuch der Reiter beweisen.

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Vanessa, Antje und Henrike würden sicher gerne auch in Aurich eine Lesebühne besuchen. Zumindest wurden sie von ihren Lehrern direkt in der Pause schon aufgefordert, selbst etwas zu schreiben. Auch Ostfriesen nörgeln, plaudern, poltern, sind zerstörerisch oder auch schwärmerisch, prosaisch oder lyrisch. Auch in Aurich steht jeden Morgen einer auf und will dagegen sein oder dafür. Alles andere wäre traurig, Aurich. Und demnächst lassen sich sächsische Abiturienten von der Kleinkunstszene Ostfrieslands überraschen.

29. Etappe: Vom Phänomen der Gruppendynamik

Hella Halbmarathon vor ein paar Jahren in Hamburg. Die dortige Stadtreinigung hat mich fasziniert. Nach dem vorabendlichen Schlager-Move konnte nur wenige Stunden später Skater und Läufer auf die Strecke, auf der noch am Abend die Leute knöcheltief in zersprungenen Flaschen, allerlei Pizzakartons und sonstigem Zivilisationsmüll standen. Es geht. Das sei die Botschaft und genug der Vorrede.

Episode 1: Der Startschuss fällt und wir laufen los. Irgendwann führt der Kurs durch einen Tunnel. Auf einmal beginnt jemand im Starterfeld zu klatschen. Viele nehmen das Signal auf. La ola in der Unterführung. Eine unvergessliche Dynamik entsteht. Den Sound behältst Du im Ohr.

Immer, wenn ich irgendwo durchlaufe, unter einer Brücke, durch einen Tunnel, dieser Sound ist bei mir, mit oder ohne Wettkampf.

Episode 2:Trainingsrunde rund um den Großen Garten im vergangenen Sommer. Parallel läuft ein Fahrradrennen. Auf der Allee kommen sie mir entgegen, die Ritter der Pedalen und ich klatsche ihnen entgegen. Respekt. Manche bemerken es, manche wundern sich, einige lächeln. Obschon sie so schnell fahren, das spürt man. Und diese Begegnung kann noch mehr. Es entwickelt sich eine Welle der Empathie. Es ist eine ganz bestimmte Energie, die, wenn Du sie gibst, mehrfach zurückkommt. Ich will rund 20 Kilometer laufen, die Radler fahren runde 60. In der zweiten Runde  treffen wir uns fast an der gleichen Stelle wieder. Gleiches Spiel, mit viel mehr Dialog. In der dritten Runde bekomme ich auch Respektsbekundungen. „Hey, Du bist ja schon wieder hier oder immer noch…“ wir haben Spaß, sind schon müde von der Distanz und machen weiter.

Episode 3:Fahrradfest, Ankunft auf dem Theaterplatz. Viele warten auf ihre Radler. Ich auch. Drei Varianten des Wartens habe ich ausprobiert. Variante 1. Während des Wartens alle möglichen Kanäle auf dem Handy checken. Beliebigkeit stellt sich ein. Das geht schließlich auch auf dem Klo. Variante 2. Angestrengt in die Menge schauen und die eigenen Leute suchen. Wann kommen die denn? Ist doch längst Zeit? Dauert das lange. Langeweile stellt sich ein. Variante 3. Wirklich mal hinschauen, was passiert. Jeder Fahrer, der reinkommt, hat einen suchenden Blick. Wo sind meine Leute? Jeder Wartende, der seinen Fahrer sieht, freut sich, als würde er einen Olympiasieger begrüßen. Medaillenzeigen auf der einen Seite, Fotomachen auf der anderen. Strahlende Augen, dreckige Beine, leere Vorratsflaschen, volle Herzen, nahezu überlaufend vor Glück. Bei Männern und Frauen, Kindern und Freunden. Schau hin. Im nu bist Du dabei, freust Dich mit, Tränen rinnen, alles wird warm, die Zeit ist egal und irgendwann kommen auch Deine Leute. Was für ein Fest.

Episode 4:Demonstration. Ich bin kein Demo-Profi. Diesmal muss es sein. Ich gehöre auch zu jenen, die Pegida für eine Momentaufnahme der Geschichte hielten. Das vertanzt sich. Von wegen. Im Zug der Studenten fühle ich mich wohl. Unter der Brücke denke ich an Hamburg. Am Rathaus wird klar, dass es viele sind. Der Zug zieht sich rund zwei Kilometer lang. Das sieht man, weil es um die Kurve geht. Zum Glück. Viele. Die Atmosphäre ist entspannt. Noch ist es hell. Dabei sein und gemeinsam dagegen sein, fühlt sich besser an als Nachrichten lesen oder hören. Danach ist mir immer schlecht. Das kann ich nicht gebrauchen. Wer soll denn da noch aufstehen und was Konstruktives machen können? Als es dunkel wird und wir sechs Polizisten aus NRW gegenüberstehen und die Pegida-Anhänger auf ihren Versammlungsplatz gehen, rufe ich auch „Schämt euch.“ Viele rufen das. Es klingt anders als wenn man es zu Hause alleine sagt nach der Nachrichtenlektüre. „Schämt euch. Schämt euch. Schämt euch.“ Ich meine das erst und wie. Und welche Resonanz die Worte in mir bekommen, weil sie viele schreien. Da steigt etwas auf, vergleichbar mit dem Gefühl im Hamburger Tunnel. Ich hätt schon Bock, den Spaziergängern die Wortbeiträge zu zerschreien. Wir sind doch viele. Wirklich Angst habe ich vor der möglichen Gewalt und schere aus als sich der Zug plötzlich neu formiert und gen Pegida läuft. Die sechs Polizisten aus NRW haben keine Chance. Kurz vorher wurde hinter mir gemurmelt: “Guck mal, nur sechs Polizisten. Die denken auch, hier ist der Studentenzug und die sind friedlich.“

Wenn viele da sind, verschwinden Grenzen, entstehen Kräfte, entwickelt sich etwas, was nur hier entstehen kann.

Lasst uns keine Maulhelden sein.

28. Etappe: Happy Birthday, Jim

Jim Tornes hat heute seinen 85. Jubeltag. Er wohnt in Columbus, Ohio und ganz bestimmt wird er morgen auch den Partnerstadt-Stammtisch besuchen.  Facebook kündigt es an. Dresden Sister City, Inc. shared their event. Auf dem Foto hat Jim das Shirt von der Laufszene Sachsen an. Screenshot 2015-10-12 19.14.18

Ich freu mich, dass er das ausgewählt hat. Klar finde ich´s cool, dass die ganze Welt mein Geschenk sehen kann und dass Jim das auch cool findet. Aber, ich weiß noch was. Ich habe seine Shirt-Sammlung gesehen. Myriaden von Laufshirts aus den unterschiedlichsten Regionen. Zu jedem wäre eine Geschichte fällig.

Jim ist 50 Marathons gelaufen. Die Kurzstreckenanzahl kennt er wahrscheinlich selbst nicht mehr. Seine möglicherweise letzte, zeitregistrierte Strecke ist er 2012 beim Dresden Marathon gelaufen. columbusläufer

Denn danach hat er mir seinen Chip geschenkt.

Der Marathon-Senior überreichte mir seinen Chip für die Zeitmessung, den er selbst seit dem 2000er New York Marathon immer am Schuh hatte. Der transkontinentale Generationen-Staffelstab-Zeitmess-Chip. Feierlicher geht’s nicht, nicht für Läufer.

Und nicht in dieser Konstellation. Denn ausgerechnet der 2012er Herbst-Marathon war für mich ein Desaster. DNF. Did not finished. Wegen Knieproblemen, Krämpfen und Geht-Nichts-Mehr.

Erst solch ein Mist und dann solch ein Geschenk.

Dafür sind Freunde da. Danke Jim. Auf ein langes Leben.

 

27. Etappe: Besser Benehmen, auch analog

Moderation

Martin Hoffmann, Onlineredakteur „Die Welt“ im Gespräch mit Kathrin Konyen.

Wir sind auf der BesserOnline-Konferenz 2015 des DJV in Köln.

Episode 1: Es ist die vorletzte Session unter dem Titel „Wie ich lernte, die Trolle zu lieben“. Diese Körperhaltung konnte ich beobachten, als Martin genau auf den Hintergrund des Titels der Veranstaltung angesprochen wurde.

An anderer Stelle fiel seine markante Formulierung „wir an der Front“. Gemeint war die Arbeit im Netz der sozialen Medien, die er gemeinsam mit drei weiteren festangestellten Kollegen erledigt. Ob man die Autoren in eine Onlinediskussion involviert, darüber war er sich noch nicht so klar. Klar, wenn die meisten freiberuflich unterwegs sind und die Honorar-Regelungen einen Onlinedebattier-Mehraufwand gar nicht möglich machen, bleiben die vier Onlineredakteure allein in der ersten Reihe an der Front. Es scheint Krieg zu sein.

Die reale Welt, in der wir leben, nennt er Hartholzwelt.

Episode 2: Oliver Seidl will in einer der ersten Sessions des Tages seine Entwicklung des LiveBlogs vorstellen. „Wenn die letzten Posts dann abgesetzt sind, können wir ja beginnen.“ Olivers Blick wandert dabei durch die Reihen der Zuschauer. Viele sehen nicht nach vorn sondern auf ihr Smartphone, Tablet, Laptop.

Scheitelstudien für den Referenten.

Der Referent repräsentiert ein startup. Er wirkt eifrig, aufgeregt, engagiert, brennt für sein Produkt. Der Zuschauer, auf dem Olivers Blick zu ruhen scheint, blickt nur sehr flüchtig auf und erwidert: „Das mach ich immer so.“

Der Vortrag beginnt.

Bedeutet BesserOnline IgnorantOffline? Bedingen schnelle Informationen ein Durch-Die-Kinderstube-Rasen? Wie soll ich Hinweise zu neuen Medien, Medienkanälen, Kommunikationsritualen von Menschen annehmen können, die sich benehmen wie die Axt im Hartholz?